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Werra: Von Merkers zur Salzkristallgrotte

Montag, 2. März 2020

Werra: Von Trostadt nach Obersuhl

Werra-Tag 2: Das Egaltal, das ung-gewöhnliche Tal und das Salzgrenztal

gefahren im: August 2020
Start: Trostadt, Naturlagerplatz
Ziel: Bahnhof Wildeck-Obersuhl
Länge: 113 km
Werraquerungen: 16 (alles Brücken)
Ufer: abwechselnd rechts und links
Landschaft: erst niedrige Waldhügel, grauer Kalk und roter Sandstein, später hohe Salzberge
Wegbeschaffenheit: Radwege, steile Straßen, weniger Kieswege
Steigungen: öfter mal
Wetter: heiße Sonne mit Cumuluswolken
Wind: manchmal leichter Gegenwind
Highlight: Altstadt Meiningen
Größte Hürde: Steigungen, ohne zu schmelzen
Zitat des Tages: "Thüringer Klöße, die mag ich sehr."

6:00, Trostadt, Kilometer 57 Ich erwache ausgeruht. Da ich nicht wieder einschlafe, fahre ich los. Ich sollte öfter im Stroh schlafen.

6:08, Grimmelshausen Auf frischer Tat ertappe ich die goldenen Finger der Göttin der Morgenröte. Ich frühstücke an einer Rasthütte und gucke zu, wie sie den Himmel befingert.

1931 Die Leichtbauplatte wird in Grimmelshausen erfunden.


1131, Kloster Veßra Graf Gotebold II. von Henneberg gründet ein Kloster, dessen rekonstruierte Wasserkraftanlage das Hennebergsche Museum noch heute mit Strom versorgt. Nebenan fließt die Schleuse in die Werra. Nun ist sie schon ein richtiger Fluss.

1137 (angeblich) begräbt der größte Bergsturz Südthüringens die gottlosen Einwohner von "Dörfles". Sie müssen alle sterben, damit Thüringen frei von Sünde bleibt und Touristen diese Klippen bewundern können.

3.4.1595, 7:00 Wieder stürzt ein Teil der Berge ab, diesmal ist es aber ein seriöser, historisch gesicherter (Sogar die Uhrzeit ist begannt!) und vor allem säkularer Bergsturz.

6:50, Themar, Kilometer 64,5 Die nächste bunte Stadt wurde auch von den Hennebergern aufgebaut. Die waren hier wirklich sehr aktiv. Es ist sogar noch stiller als in Eisfeld, aber das kann man bei der Uhrzeit nun wirklich niemandem vorwerfen.


7:18, Henfstädt Ich schließe mein Rad an und steige auf einem steinigen Pfad neben einigen Muschelkalkklippen bergauf.
Wenn es etwas gibt, das (neben den Weißen Bergen - dazu kommen wir noch) typisch für das Werratal ist, dann sind es die Burgen. Deshalb möchte ich mir gern welche ansehen. Die Wartburg ist natürlich ein Muss, aber ich würde gern noch eine zweite Burg direkt an der Werra besichtigen. Als Ausgleich zur weltberühmten Wartburg wähle ich die möglicherweise kleinste, unbekannteste und verfallenste Burg an der Werra aus.


1182 oder ca. 1225 (Meine Quellen wiedersprechen sich.) Die Osterburg wird errichtet von - ja, richtig, schon wieder den Hennebergern. Sie wollten einen neuen Posten, um ihr Gebiet zu verteidigen. Zuständig ist Gräfin Sophia.

1252 Im Auftrag des Fürstenabtes von Fulda wird die Burg schon wieder zerstört. (Vielleicht war er eifersüchtig, weil es im Tal der Fulda keine Burgen gibt.)



Ab 1274 geht es mit den Hennebergern so langsam bergab. Ihre Grundstücke werden ständig unter den Erben geteilt, verkauft und verpfändet. Es versuchen immer mal wieder Adelsfamilien, hier zu wohnen. Am längsten hält noch die Familie von Hanstein durch. Anders als auf der Wartburg nimmt sich hier niemand die Zeit, um die Bibel zu übersetzen, das Krankenhaus, die hochdeutsche Sprache oder die deutsche Flagge zu erfinden. Es passiert absolut gar nichts von Bedeutung für die Geschichte Europas.


1977 Der Arbeitskreis Osterburg beginnt, die Burg ein bisschen wiederherzustellen. Es stehen noch ein halber Turm, ein ganzer (aber nicht so hoher Turm), ein paar verstreute Mauerstückchen, der Brunnen und der Bergfried. Der wurde komplett wieder aufgebaut, aber um dort reinzukommen, muss man erst einmal jemanden anrufen. So früh will ich niemanden aus dem Bett klingeln. (Wenn man den Turm schon für viel Geld wiederaufbaut, wäre doch sicher auch ein Drehkreuz mit Münzeinwurf drin gewesen, damit die Besucher ihn unkompliziert besuchen können.)


8:29 Endlich wieder ein Radweg an der Werra! So etwas gibt es heute, naja, nicht oft, aber immerhin öfter als gestern.

25.11.1944 Ein amerikanischer Pilot wird beim Angriff auf den Bahnhof Grimmenthal abgeschossen. Sein Flugzeug bohrt sich tief in die überflutete Wiese.

2011 Bei Baggerarbeiten werden seine Überreste entdeckt und in die USA überführt. Jetzt kann er hoffentlich in Frieden ruhen.


8:54, Untermaßfeld Ich entdecke eine weitere Werraburg. Besichtigen kann ich sie allerdings nicht, weil sie als Justizvollzugsanstalt genutzt und in durchsichtige Zäune mit Stacheldraht gepackt wird. Das sieht äußerst bizarr aus. Vielleicht hat sich Untermaßfeld vom italienischen Volterra inspirieren lassen.


9:39, Meiningen, Kilometer 87,5 In der größten Stadt an der Werra ist etwas mehr los.


10:11 Ich möchte mich im Freibad Rohrer Stirn abkühlen. Dazu muss ich mich zuerst stark erhitzen, denn das Bad liegt am Ende einer steilen Straße hoch über der Stadt. Aber das Wasser ist dann tatsächlich schön kühl.


11:02 Ich schlängle mich durch den Englischen Garten. Dahinter liegt das Theater, für das Meiningen hauptsächlich bekannt ist.


11:08 Die Altstadt von Meiningen gefällt mir wirklich gut, auch wenn die Radwege von mehreren Baustellen blockiert werden. Eigentlich hatte ich geplant, hier Mittag zu essen, aber dafür bin ich zu früh da. Ups.


11:11 Also überquere ich hinter dem Schloss die Werra und kehre zum Radweg zurück. Meiningen ist nämlich eine dieser Städte, wo der Radweg nicht einfach durchführt, sondern wo man zur Besichtigung den Fluss überqueren muss.


11:25 Ab jetzt wiederholt der Werratal-Radweg immer wieder folgendes Muster: Der Weg führt etwa 5 Kilometer nach Norden, dann folgt ein Ort, der (meistens) auf -ungen endet - wie ung-gewöhnlich! Dabei sind die 5-Kilometer-Strecken im Tal jedes Mal ein bisschen anders. Die ersten 5 Kilometer bestehen aus Radweg auf freiem Feld in der prallen Sonne. Dort wurde ich von Fremden nach Sonnencreme gefragt, so groß war deren Not.

1836 Herzog Bernhard II. baut sich das luxuriöse Schloss Landsberg (links oben), weil Bauern im Bauernkrieg die Burg zerstört haben, die da vorher stand.

2014 Das Luxushotel im Schloss wird geschlossen, obwohl es (schon in der DDR) bei Diplomaten, Prominenten und Hochzeitspaaren sehr beliebt war. Ein chinesisches Konsortium ersteigert das schicke Werraschloss und will dort ein Hotel wiedereröffnen, was aber bisher nicht passiert ist.


2012, Walldorf Eine eindrucksvolle Kirchenburg aus dem 15. Jahrhundert brennt aus. Sie soll als Erlebniskirchburg wiedereröffnet werden. Ich laufe einmal um die Mauern herum, entdecke aber keinen offenen Eingang. Zumindest kann ich bestätigen, dass die Bezeichnung Kirchenburg definitiv zutrifft: Die Fachwerkkirche ist umgeben von hohen Burgmauern, die auf grauen Felsen thronen. Ich erlebe da aber nix.


11:51 Die nächsten 5 Kilometer bestehen aus Kiesweg an der Werra.


12:32, Wasungen Ich überlege, ob ich zum Mittag zum Restaurant in der Burg Maienluft hinaufstrampeln soll. Aber seit dem Abstecher zum Freibad habe ich keine Lust mehr auf Zusatzberge - und Hunger. Also esse ich die Thüringer Klöße unten im Tal im Feuchten Eck, das wesentlich einladender ist, als es klingt.
Hier gibt es auch mal ein Kindergericht, das wirklich am Essverhalten vieler Kinder orientiert ist: Kloß mit Soße für 2 Euro.


13:15 Die nächsten 5 Kilometer bestehen aus einer bergigen Hauptstraße. Zum Glück herrscht wenig Verkehr und viel Schatten. Dennoch vermisse ich den perfekt ausgebauten Fuldaradweg.


12:23 Auf diesem Weg erreiche ich Schwallungen. Die nächsten fünf Kilometer führen wieder per Radweg übers freie Feld.

13:45 Die Schmalkalde kommt aus Schmalkalden angeflossen. Sie ist tatsächlich relativ schmal.


13:03 Die nächsten fünf Kilometer führen zwischen einem Maisfeld und der Werra entlang.

13:10 Hier nehme ich ein Bad in der steinigen, schlammigen, zugewachsenen und wunderbaren Dschungelwerra. Glücklicherweise werde ich nicht von Krokodilen angegriffen. Jetzt habe ich neue Energie. Auf das Abtrocknen verzichte ich schon längst. Ich ziehe mir einfach nur ein T-Shirt über. Bestimmt bin ich in einer halben Stunde wieder trocken, bis dahin genieße ich die Kühlung.

13:15 Ich bin trocken.


14:24, Breitungen, Kilometer 116,5 Ein Radweg führt mich im großen Bogen unter der Basilica von Breitungen vorbei. Ich stelle fest: Breitungen ist breiter als die Schmalkalde, aber vermutlich schmaler als Schmalkalden.



14:44 Die nächsten fünf Kilometer bestehen aus einer Nebenstraße am Waldrand.

15:00 In diesem Teil des Werratals liegen zahlreiche Baggerseen. Ich fahre direkt vorbei am Badesee Immelborn. Dieses Feuchbiotop wird bevölkert von alles andere als seltenen Arten wie dem Ausflügler-Auto, dem Kreischkind, dem Handtuchrentner und der Gemeinen Pommesbude.


15:22 Die finalen fünf Kilometer bestehen aus einem Radweg zwischen Werrawiesen und roten Sandstein.


15:27, Bad Salzungen, Kilometer 131 Schließlich überquere ich den Fluss noch einmal und erreiche das letzte Ungen. Bad Salzungen - dieser Name markiert den Übergang vom ung-gewöhnlichen Tal, wo alle Namen auf ung enden und die Hügel normal sind, zum Salzgrenztal der Werra - so nenne ich es zumindest, andere sprechen ironisch vom Land der Weißen Berge. Denn der Boden steckt hier voller Salze, und das hat auf unseren Fluss und die Landschaft enorme Auswirkungen.
In Bad Salzungen wird das Salzwasser vom Boden ins Jungendstil-Gradierwerk eingespeist und in der Luft verteilt, dann kann man kann es einatmen und das ist gesund, dazu gibts noch eine Soleschwimmhalle und ein Museum. Diese Solewelt ist verrammelt und verriegelt, selbst einen Rundgang ums Gradierwerk gibt es nur gegen 5 Euro Eintritt. (Wie wir später in Bad Sooden-Allendorf sehen werden, geht das auch anders.)
Eigentlich war Bad Salzungen mein Ziel. Nun bin ich viel früher als erwartet dort und will noch nicht nach Hause fahren, also was tun? Die Stadt besichtigen? Hätte ich normalerweise wohl gemacht, wenn mich Bad Salzungen nicht so abgeschreckt hätte. Der Marktplatz und die Altstadt sind vergleichsweise unspektakulär, das wahre Zentrum ist halt die abweisende Solewelt. An der Eisdiele am Einkaufszentrum erklingt laute, penetrante Musik. Ich fülle an der öffentlichen Toilette meine Trinkflaschen auf und verlängere die Tagesetappe spontan.
Um 40 Kilometer.


16:12 Der Radweg befindet sich zwischen der Bundesstraße und den Schleifchen der Werra. Ich winke den vielen Paddelbootfahrern zu. Vor mir erhebt sich die Krayenburg auf dem Krayenberg.


16:25 Da will ich auf keinen Fall hoch. Ich umgehe die Steigungen auf dem roten Kiesweg am Fuß des Berges.


16:43 Das Erlebnisbergwerk Merkers gerät in Sicht. Ich habe dort bereits eine Tour im Dezember gebucht, die zweifellos einen Extraeintrag verdienen wird. Dass sie ausfällt, weiß ich noch nicht. Heute muss ich in Merkers nur über die Brücke und einen Hügel hinauffahren.


17:01 Für die Strampelei werde ich mit einem schattigen Seitenwald-Radweg belohnt.


17:12 In Dorndorf kehre ich ans rechte Ufer zurück. Jetzt müsste ich mich doch im Land der Weißen Berge befinden, also wo sind die Weißen Berge? Ah, bei dem Hügel da hinten guckt immerhin etwas Weißes heraus. Dieser Berg wird aber nicht mehr genutzt und die Natur ist dabei, ihn sich zurückzuholen, deshalb ist er schon überwiegend hellgrün.



17:37, Vacha Ich fahre an einem prächtigem Ensemble aus Kirche, Burg und Brücke der Einheit vorbei. Es heißt Vacha und ist deshalb so gut erhalten, weil es in der Sperrzone der DDR lag. Vor gerade einmal 30 Jahren durfte niemand diese schöne Sandsteinbrücke überqueren, denn auf ihr stand ein hässlicher grauer Turm.


1945-1989 Hinter Vacha verlässt die Werra zum ersten Mal Thüringen und erreicht Hessen. Im Kalten Krieg trafen hier DDR und BRD aufeinander. Jetzt raten Sie doch mal, welcher Staat an welchem Ufer lag. Die DDR am Ostufer und die BRD am Westufer? Nein, genau umgekehrt.
Das liegt an der Eigenart der Werragrenze im Kalten Krieg. Wäre der Eiserne Vorhang genau auf dem Fluss, wäre das ja langweilig und böte viel zu wenig Anlass für Streitereien, das gab es ja schon bei der Elbe. An der Werra verläuft die Grenze im Zickzack hin und her, durch die Berge am linken und rechten Ufer und ab und zu für wenige Kilometer auch mal auf dem Wasser. Diese bekloppte Grenze hatte dramatische und kuriose Folgen, und die erste ist auch gleich am Straßenrand von Vacha zu sehen:
Eine weiße Druckerei namens Haus Hoßfeld. Es handelt es sich um das einzige Haus, durch das der Eiserne Vorhang verlief.

1928 Ein bisschen beschwören die Herausgeber der Rhönzeitung das Unglück herauf, als sie ihr Gebäude absichtlich über die Grenze erweitern, um in Thüringen zu drucken und Steuern zu sparen.

31.12.1951 Als sie nach dem zweiten Weltkrieg hören, dass die Enteignungen in der Sowjetischen Besatzungszone losgehen und die Grenze undurchlässiger wird, schaffen sie nachts heimlich alle Druckmaschinen ins hessische Hauptgebäude und vermauern den Zugang. Puh! Die DDR ist beleidigt und verbietet ihnen den Zugang und Reparaturen am Anbau.

1976 Nach dem Grundlagenvertrag dürfen die Herausgeber den Thüringer Teil der Druckerei wieder nutzen. Nur ist der jetzt natürlich völlig verfallen, Entschädigung gibts nicht.


17:48, Philippsthal Nun geht es eigentlich die ganze Zeit direkt an der Werra entlang. Am Ufer erstreckt sich das Örtchen Philippsthal. Dort steht ein attraktives rotgelbes Schloss und ein Freibad - ach, ich gehe nochmal baden. Der Eiserne Vorhang verlässt die Werra hier schon wieder.


18:17 Im Fluss baden möchte ich hier nicht mehr, denn das ist nicht mehr dasselbe Wasser, in dem ich heute gebadet und aus dessen Quelle ich gestern getrunken habe. Bevor ich aus dieser Werra hier trinke, nehme ich doch lieber mein Spülwasser.
Hier sind zwei weiße Berge zu sehen, ein größerer und ein kleinerer. Tief unter diesen Bergen wird Kalisalz abgebaut. 


18:34 Ich erkenne eine gewisse Evidenz, dass dieser Bauer Hunde so richtig scheiße findet.


19:03, Heringen, Kilometer 164 Der Radweg folgt der Straße bis nach Heringen. Hier treffen wir schon wieder auf den Eisernen Vorhang - und auf den europäischen Radweg Iron Curtain Trail/Eurovelo 13, der dem Eisernen Vorhang folgt. Die erste Schleife der Grenze von der Werra durch die Berge hat der noch mitgemacht, aber ab Heringen folgt der die ganze Zeit konsequent der Werra, weil selbst den Grenzradlern diese ganzen Schlenker der Grenze zu blöd sind. Ich habe also auch das Buch zum Eisernen Vorhang mitgenommen. Da haben die Karten zwar einen kleineren Maßstab, aber dafür steht mehr interessantes Geschichtswissen drin.
Direkt unter mir lagert Giftmüll in einem Bergwerk, darunter genug Arsen, um sämtliche Menschen der Erde zu vergiften. Zum Glück weiß ich das zu diesem Zeitpunkt noch nicht.
In Heringen entdecke ich keine Heringe (selbst denen ist das Wasswr zu salzig), sondern das geschlosssene Werra-Kali-Bergbaumuseum.


19:17 In dem Museum geht es um den größten Salzberg Deutschlands, den Monte Kali. Als ich zu Hause die Karte studierte, dachte ich: Hm, der ist aber ganz schön weit weg vom Museum.
Vor Ort schien es jedoch, als rage gleich auf der anderen Straßenseite auf. Der Berg ist so gewaltig, dass er quasi von überallher zu sehen ist.
Hinter Heringen verlasse ich die Straße und fahre zum letzten Mal über den Fluss, nach Dankmarshausen.


19:35, Dankmarshausen Dort biege ich in ein besonderes Naturschutzgebiet ab. Im Hintergrund steht nach wie vor der Monte Kali, auf dessen Gipfel die Fördermaschinen geisterhaft blinken.


19:50 Das Naturschutzgebiet heißt Rhäden und hat eine wirklich riesige Vogelbeobachtungshütte mit Bänken, die an ein halbes Amphitheater erinnern. Ich schaue durch ein Fernglas und stelle überrascht fest, dass a) sich auf dem See wirklich viele Vögel tummeln und b) man in diese Ferngläser keine Münzen werfen muss.
Der Rhäden ist Teil des Grünen Bands. Wenige Meter hinter der Hütte verlief der Eiserne Vorhang - ich bin wieder in Hessen.


20:13, Obersuhl Das kleine Obersuhl ist in mehrfacher Hinsicht überraschend. Zum einen ist es hier belebter als an den meisten Städten an der oberen Werra, zum anderen ereigneten sich gleich zwei der kuriosen Grenzstreitigkeiten im Kalten Krieg.

1952 Zum einen war da die Sache mit der Bahn. Rund um Obersuhl überqueren die Bahngleise ständig den Eisernen Vorhang, darunter auch die Güterzüge, welche die Kalisalze abstransportieren. Es gibt keine Bahnstrecke, die in den Osten fährt, ohne ein Stück des Westens zu durchqueren. Deshalb baut die DDR schnellstmöglich eine Umgehungsstrecke nach Eisenach (die nach der Wende gleich wieder abgebaut wurde).
Welcher Staat verwaltet die Bahn bis wohin? Man einigt sich, dass die DDR erst ab dem zweiten Eintritt in den Ostblock zuständig ist. Arbeiten dann auch DDR-Arbeiter auf Westgebiet? Wie werden sie bezahlt und wo tauschen sie das Geld um? Der Streit um solche Fragen führte immer mal wieder dazu, dass die Gleise aus Trotz ganz gesperrt werden.

1962 Mit dem Bau der Mauer werden auch die Gleise auf Westgebiet, welche die DDR verwaltet, komplett in Zäune und Stacheldraht gehüllt, damit niemand im falschen Moment vom Zug hüpft.

1966 Die DDR stellt der BRD eine Rechnung für die jahrelange Nutzung ihrer Bahngleise. Bis sie zahlt, wird die Strecke mal wieder gesperrt. Die BRD handelt die Rechnung auf einen deutlich niedrigeren Betrag runter.

Foto im Grenzmuseum Schifflersgrund

1950 Die Grenze zwischen Ost und West trifft auf die Straße zwischen Obersuhl (Hessen) und Untersuhl (Thüringen). Sie überquert die Straße nicht einfach, und sie verläuft auch nicht in der Straßenmitte (das gab es auch öfter) - nein, sie führt bis zum weißen Pfosten (links) und dann diagonal über die Straße. Auf der linken Straßenseite wohnten Westbürger. Wer sein Haus ganz hinten hatte, konnte sich glücklich schätzen und fast die ganze Straße nutzen. Wer aber ganz vorne lebte, dem blieb nur ein schmales tortenförmiges Straßenstück. Ein Umzug oder Großeinkauf war kaum möglich, ohne eine schwere Straftat auf DDR-Gebiet zu begehen, für die einen zufällig vorbeikommende Grenzsoldaten verhaften konnten.
Ostbürger wohnten hier natürlich nicht, weil das Straßenstück außerhalb der Mauer lag. Die DDR hatte also nichts von ihrem tortenförmigen Asphaltstück, wollte es aber auch nicht einfach gratis hergeben.

1975 Irgendwann einigt sich die Grenzkommission aber auch hier, dass die ganze Straße befahren werden durfte (mit Ausweispflicht auf dem DDR-Teil).


20:36 Meine Etappe endet in Obersuhl, auch wenn das nicht direkt an der Werra liegt, weil hier der erste Bahnhof seit Bad Salzungen steht.

Sonntag, 1. März 2020

Werra: Von Neuhaus nach Trostadt

Der fast aktuelle Liveticker zum Werratal-Radweg
(Der Radweg heißt Werratal-Radweg und nicht Werraradweg - vermutlich, damit die Silbe -ra nicht zweimal hintereinander auftaucht.)


Werra-Tag 1: Das Schmaltal (oder: Quellenangaben)

gefahren im: August 2020
Start: Neuhaus am Rennweg, Bahnhof/Werraquelle Siegmundsburg
Ziel: Trostadt, Naturlagerplatz am Forsthaus
Länge: 57 km
(Die Werra ist 299,6 km lang. Ich zähle hier den Werraradweg anhand meiner Karte. Er misst etwa 331 km. Darin enthalten sind die Nicht-Werra-Strecken von Neuhaus zu den Quellen, von Hörschel nach Eisenach und zurück nach Hörsel, die alle etwas mehr als 10 km lang sind.)
Werraquerungen: 8 (7 Brücken, 1 Rohr unterm Waldweg)
Ufer: erst rechts, dann links
Landschaft: freundliche Waldkuppen des Kleinen Thüringer Waldes
Wegbeschaffenheit: Kieswege im Wald, steile Dorfstraßen, Seitenwald-Radwege
Steigungen: Aber hallo!
Wetter: heiße Sonne mit Cumuluswolken
Wind: kaum kühle Brisen
Highlight: Tubinganlage Siegmundsburg
Größte Hürde: Steigungen mit Spülwasser
Zitat des Tages: "Ach und die Sonne/Senkrecht die Spitzen/Bohrt in den Scheitel;/Blutig die Steine/Netzet der Fluss." - Otto Ludwig, Dichter aus Eisfeld, Des Menschen Bürde -

Dieser Post ist der Mitarbeiterin der Südthüringenbahn gewidmet, die diese Tour gerettet hat, indem sie mich darauf hinwies, ich solle langsam einsteigen, statt auf dem Bahnsteig zu frühstücken. Zwar waren es noch 15 Minuten bis zur Abfahrt, aber 5 von 6 Fahrradplätzen waren schon besetzt.

1607, Neuhaus am Rennweg, 830 m ü. NN, Kilometer 0 Die erste Glashütte in Neuhaus wird errichtet. Das ist sehr umsichtig, denn so ist die Kleinstadt in den Bergen heute nicht nur von Touristen abhängig, sondern produziert auch alles mögliche aus Glas, von Thermometern bis hin zu Weihnachtsschmuck.

1814 Der Physiker Heinrich Geißler wird geboren. Er lernt von seinem Vater das Glasblasen und erfindet später eine neue Niederdruck-Gasentladungsröhre zur Glasherstellung.

1892 Die Holzkirche von Neuhaus wird errichtet.

11:49 Die Bahn hat sich endlich bis zur Endstation in die Berge hinaufgeschraubt, wo meine phantastische Reise beginnt. Ich sehe in Neuhaus weder Glas noch Holz, sondern nur Schiefer - Neuhaus hat einen akuten Schieferfetisch. Dass die Holzkirche aus Holz besteht, kann ich zum Beispiel nicht persönlich bestätigen. Sie ist komplett mit Schiefer verkleidet und verschlossen, kein einziger Holzsplitter guckt heraus (außer an Tür und Fensterrahmen).
Das ist also Neuhaus am Rennweg. Als nächstes stellt sich die Frage: Was ist ein Rennweg?


Im Mittelalter war ein Rennweg oder Rennsteig eine gerader Kiesweg durch die Berge als Abkürzung für Soldaten oder Boten. Die hießen so, weil man darauf nur laufen oder rennen (das bedeutete damals: schnell reiten) konnte, aber nicht mit Kutschen fahren.

11:58 Dieser spezielle Rennsteig hat in der Moderne Karriere als Deutschlands beliebtester Wanderweg gemacht, auf dem man zum Glück nicht zwangsweise rennen muss.
Die Werra ist noch gar nicht zu sehen und der Werratal-Radweg auch nicht. Also folge ich den Schildern mit dem großen R des Rennsteig-Radwegs durch den Wald.

12:32 Ich verlasse den Weg und steige einen Pfad einige Minuten bergab. Hier liegt eine Quelle - doch es ist noch nicht die Werra.
Diese Quelle ist etwas merkwürdig. Oben ist eine Steinplatte mit einem Becken in Form eines Schlüssellochs, in dem schwarzes Wasser steht, aber überhaupt nichts fließt. Unten sprudelt dann Wasser in eine Holzrinne.
Hier entspringt die Schwarza. Die ist bekannt für ihre "Sprudeltöpfe" und Talsperren (die ich von oben auch ein wenig erkennen konnte), außerdem ist das der goldreichste Fluss Deutschlands. Die Schwarza fließt über die Saale in die Elbe.
 

12:51 Moment, die Elbe? Soll das heißen, ich bin noch nicht mal im richtigen Flusssystem? Ganz genau. Erst einmal geht es steil bergauf.

13:15 Am dreieckigen Dreistromstein liegt die Wasserscheide zwischen Rhein, Elbe und Weser. Ich folge natürlich der Seite des Steins, wo Saar/Werra/Weser draufsteht.


13:20 Meine Limonade ist fast leer, die Wasserflasche ebenfalls. Ich fülle sie mit meinem Wassersack auf und stelle sodann fest, dass das Wasser darin intensiv nach Spülmittel schmeckt. Ich habe den Sack gestern gründlich ausgewaschen und danach ein Testglas getrunken, um genau diesen Geschmack auszuschließen, aber irgendwie muss mir das Spüli entgangen sein.
Okay. Es herrscht praller Sonnenschein bei 32 Grad, kein Geschäft oder geöffnetes Restaurant ist zu sehen und ich habe einen Schluck Limonade und fünf Liter Spülwasser dabei. Super.

13:27, Siegmundsburg, 805 m ü. NN, Kilometer 12 Ich weiche vom Weg ab und fahre eine Straße runter. Dort sprudelt die Werraquelle Siegmundsburg aus einer grauen Mauer und rettet mich vor dem Verdursten. Ich fülle meine leeren Flaschen auf und halte damit gut bis zum Edeka in Eisfeld durch.


13:28 Der Quellfluss, der hier entspringt, heißt aus irgendeinem Grund Saar, dabei sind wir weit vom Saarland entfernt. Direkt neben der Quelle liegt die B281, die der Saar talabwärts folgt. Auch wenn die Quelle mich gerettet hat, so richtig schön ist es hier nicht. Kein Wunder, dass der Radweg woanders verläuft.


12:42 Noch vor der Quelle erstreckt sich das Dorf Siegmundsburg entlang der Straße. Alles ist still, die Restaurants verschlossen. Nur an einem Ort herrscht ein wenig Betrieb: an der Tubinganlage. Ein Imbiss verkauft hier Crepes und Bratwurst.
Im Winter rutschen die Gäste hier auf Ski, Schlitten oder harten Gummireifen den Schnee hinunter - und im Sommer stehen diese Gummireifen ebenfalls zur Verfügung. Ich lasse mich von einem kleinen Lift hinaufziehen. Oben beginnen zwei Bahnen, eine normale und eine mit einer kleinen Flugschanze, bei der man auf einem orangefarbenen Luftkissen landet. Die Schanze war wegen der Trockenheit geschlossen, man würde nicht genug Schwung für den Absprung bekommen.

12:43 Also nehme ich die normale Strecke und rutsche durch vier Kurven abwärts. Die Bahn besteht aus harten Plastikwaben mit Gras dazwischen, wie man sie normalerweise auf Parkplätzen findet. Ja, auf solchen Dingern kann man tatsächlich rutschen. Das ist langsamer als eine Sommerrodelbahn, aber auch wilder und unkontrollierter. Ich drehe mich ständig.


14:20 Wir befinden uns im Kleinen Thüringer Wald, wo die grünen Bergkuppen ein bisschen kleiner, idyllischer und weniger vom Borkenkäfer zerfressen sind. Dennoch ist es hier nicht ungefährlich: Auf einmal muss ich den Rettungswagen der Bergwacht ausweichen.

14:25 Ich passiere den Unglücksort, sogar ein Rettungshubschrauber kommt noch. Ich frage mich, was passiert ist, schließlich klaffen keinerlei Abgründe am Wegesrand. Dennoch fahre ich ab jetzt noch vorsichtiger.

14:32 Der Waldweg besteht aus Kies. Manchmal holpere ich über ein paar größere Steine, aber meistens ist er gut befahrbar. Am Wegesrand liegt eine Rindenhütte, in der einst ein Köhler lebte.
Sehen Sie die neue ICE-Strecke nach Eisenach? Ich auch nicht. Die verläuft laut Karte genau hier, aber ein paar Meter tiefer in einem über 8 Kilometer langen Tunnel. Beim Bau wurden zwei Tropfsteinhöhlen entdeckt.


1897, Fehrenbach, 797 m ü. NN, Kilometer 18 Oberförster Georg Schröder und Mauerer Elias Traut fassen die andere Werraquelle in Stein. Dorthin mache ich einen weiteren Abstecher. Hier findet gerade eine Hochzeit statt, und sogar ein geöffnetes Restaurant ist vorhanden, wo Hühner um die Tische laufen.
Es gibt also zwei Werraquellen. Die beiden werden Werraquelle Siegmundsburg und Werraquelle Fehrenbach, Werraquelle Bleßberg und Werraquelle Eselsberg, vordere und hintere Werraquelle oder nasse und trockene Werraquelle genannt. Letzteres verstehe ich gar nicht: Ich kann persönlich bestätigen, das beide nass sind. Fehrenbacher sprechen auch von der falschen und der echten Werraquelle. So steht es auch auf der Hinweistafel: Die "echte" Werraquelle.
Stimmt das? Die beiden Bäche sind ungefähr gleich lang und haben gleich viel Wasser. Ein langer Streit der beiden Dörfer, zahlreiche Gutachten und Werraquellfeste lieferten keine eindeutige Antwort.
Ich kann sagen, dass die Siegmundsburger Quelle nur zwei Vorteile hat: Sie ist mit dem Auto besser zu erreichen (für mich irrelevant) und dort kann man Wasser abfüllen (für mich sehr relevant). Ansonsten hat mir die Fehrenbacher Quelle besser gefallen, sie ist sehr viel idyllischer gelegen und aufwändiger hergerichtet. Ja, bei der Einfassung der Quelle haben Traut & Schröder sogar fast ein bisschen übertrieben.
Zuerst sprudelt das Wasser sprudelt aus einem goldenen Löwenkopf in ein Steinbecken. Die grauen Steinblöcke ringsherum tragen die Bilder von Städten an der Werra und Weser. Das Wasser taucht noch einmal kurz unter die Erde ab...


...und läuft dann durch mehrere grüne Teiche. Die grüne Farbe kommt vom hohen Kupferanteil. In der Mitte erhebt sich ein hölzerner Aussichtsturm. Nach dem größten Teich läuft das Wasser in eine Rinne,...


...bildet einen kleinen Wasserfall und darf dann endlich als normaler Bach in den Wald abtauchen. Zumindest theoretisch. Im Hochsommer blieb das wenige Wasser im Teich, da lief nichts.


15:33 Nach einer Mahlzeit an der Quelle kehre ich zum Hauptweg zurück.

15:38 Als nächstes begegne ich der Werra am Werrateich mit Goldwäscherplatz. Zumindest theoretisch. Der Teich wurde zur Sanierung abgelassen, deshalb plätschern dort nur zwei Bächlein (aber immerhin, es fließt etwas). Also wirklich! Ich dachte, Martin Luther hätte den Ablass in Thüringen abgeschafft.


15:40 Nun schraube ich mich neben der Werra die Berge hinunter.


15:46 Bei einem Fußbad zeigt sich die Werra herrlich klar und kühl. Kaum zu glauben, dass das hier später der verseuchteste Fluss Deutschlands wird.


15:42 Hässliche Industriebauten zeigen an, dass die Berge gleich zu Ende sind. Kleine Staumauern bremsen die junge Werra aus - und halten sie schließlich sogar komplett an.


15:58, Sachsenbrunn, 491 m ü. NN, Kilometer 25,5 Die Saar (von Siegmundsburg) und die Werra (von Fehrenbach) fließen nun zusammen. Zumindest theoretisch. Vor der Reise hatte ich mir Gedanken gemacht, ob die Quellen wohl ausgetrocknet sind. Das waren sie zum Glück nicht, dafür aber manch anderer Teil des Flusses.


ca. 1630 Im Dreißigjährigen Krieg pflanzen die Sachsenbrunner eine Tanzlinde.



16:11 Dieser dicke Baum ist von einem Tanzbruck umschlossen, einer Art niedrigem Riesenbaumhaus ohne Dach. Auf dieser coolen Plattform tanzen die Sachsenbrunner im Frühling und gucken von oben herab auf andere Dörfler, welche um einen gewöhnlichen Maibaum tanzen.


16:17 Die nächsten fünf Kilometer sind zur Abwechslung mal ganz flach. Mehrere Mähdrescher dröhnen und furzen mir eine Wolke aus kratzigen Pflanzenpartikeln auf den Radweg. Um sie nicht einzuatmen, halte ich die Luft an.

16:18 Ich atme wieder.


3. Pfingsttag 1608, Eisfeld, Kilometer 31 Herzog Johann Casimir befiehlt, dass sich ab jetzt jedes Jahr an diesem Tag die Männer auf der Wiese vor der Stadt treffen müssen. Sie sollen mit den Waffen üben und gemustert werden, falls die Stadt angegriffen werden sollte. Danach wird gefeiert. Deswegen feiern die Eisfelder bis heute das sogenannte Kuhschwanzfest an diesem Tag, nur halt ohne Waffen.

16:26 In der ersten größeren Stadt an der Werra entdecke ich trotz ihres Namens keine Eisdiele, sondern nur Baustellen und einen Edeka. Die Häuser sind bunt, das Schloss weiß, die Kirchen und Brunnen grau - so sehen die meisten Städte an der oberen Werra aus. Die anderen sind aber etwas belebter als Eisfeld.


17:17 Die restliche Strecke besteht aus zwei Arten von Wegen. Zum einen muss ich steile Dorfstraßen in Bockstadt, Harras, Veilsdorf und wie die Dörfchen alle heißen im Zickzack rauf- und runterstrampeln.
50 Prozent aller Straßen heißen entweder Schöne Aussicht oder Ernst-Thälmann-Straße. Ersteres ist noch aktuell, letzteres seit dem Mauerfall nicht mehr.
Ein zwiebelförmiger Kirchturm ist die endgültige Bestätigung meiner These, dass Thüringen das Tschechien Deutschlands ist.


16:29 Etwas besser gefallen mir die Seitenwald-Radwege am Rande des Tals. Da geht es zwar auch mal ein bisschen auf und ab, aber nicht ganz so stark. Außerdem stehen da extrem viele freundliche Rasthütten aus hellem Holz.
An der Werra verläuft keine der beiden Wegearten. Ich erkenne sie nur unten im Tal als Reihe von Bäumen.
Dieses niedrige Tal schlängelt sich nun in Richtung Norden und wird nach und nach zur Grenze zwischen Muschelkalk und Buntsandstein, zwischen Thüringer Wald und Rhön, irgendwann sogar zwischen Thüringen und Hessen und früher zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Aber bisher sehen beide Seiten noch sehr ähnlich aus.


18:17 Ich sehe das plätschernde Flüsschen erst wieder, als ich in die nächste Stadt hineinfahre.


1840, Hildburghausen, Kilometer 47 Das erste Meyers Lexikon erscheint hier. Auch wenn der Verlag mit dem etwas sperrigen Namen Bibliographisches Institut hier schon längst nicht mehr seinen Sitz hat, liegt hier also auch der Ursprung von Meyers Kinderbibliothek, mit der ich aufgewachsen bin. (Das sind unter anderem diese Bücher, wo man die dunklen Seiten mit einer Papiertaschenlampe beleuchtet.)

1845 Ein mysteriöses, zurückgezogen lebendes Paar der Stadt ist gestorben, der sogenannte Dunkelgraf und die Dunkelgräfin. Umgehend machen sich die neugierigen Hildburghausener an die Recherche, wer die beiden denn nun waren. Der Mann war holländischer Händler, das finden sie schnell heraus. Die wahrscheinlichste Theorie zur Frau lautet heute, dass sie eine französische Prinzessin war, die Tochter von Ludwig XVI. Beeindruckend, dass die beiden es geschafft haben, für ihr restliches Leben unerkannt unterzutauchen - aber damals gab es ja auch noch kein Internet.

18:20 Ich mache einen Abstecher über den Fluss nach Hildburghausen. Auch diese Stadt hat so einen schicken Südthüringer Marktplatz, der um diese Zeit bereits recht still ist.



18:21 Ansonsten kommt sie jedoch etwas schäbiger daher.


18:54 Uff! Noch mehr steile Dorfstraßen. Bergauf bin ich sowieso langsam und bergab bremsen mich Bremsschwellen aus kleinen Pflastersteinen. Na danke.


19:00 Ich kühle mich unter einem kleinen Werrawehrwasserfall ab. Ah, schon viel besser! Jetzt kann ich das letzte Stückchen in Angriff nehmen.


1775, Trostadt, Kilometer 57 Das Wohnhaus der Nonnen im Kloster Veßra (wo ich morgen früh vorbeikomme) brennt ab. Die Nonnen bekommen ein neues Zuhause in Trostadt gestiftet. Hier leben sie einsam und bescheiden zusammen mit einem Probst, einer Äbtissin, einem Frühmessner, einem Kellermeister, einer Küsterin, einem Hofmeister, Knechten, Mägden und einem Kaplan.

20:00 Ich erreiche die Reste des Klosters. Es steht noch eine große graue Mauer, um die ich erst einmal lange herumfahre, bis ich einen Zugang finde, und ein Gebäude, bei dem nicht ganz klar ist, ob es sich um einen Teil der Kirche oder eine Scheune handelt (links). Heute befinden sich darin jedenfalls Toiletten und Duschen. Das Forsthaus (rechts) ist deutlich jünger und kann für Veranstaltungen gemietet werden.
Laut meiner Karte befindet sich hier ein Naturlagerplatz, und auch auf der Website des Forsthauses ist ein entsprechender Hinweis versteckt. Als ich vor Ort erst einmal keinen Eingang entdecke, spricht mich der Nachbar und ruft "den Jens mal an", der eine halbe Stunde später vorbeikommt. Es ist offenbar so gedacht, dass man vorher eine E-Mail schreibt und dann vor Ort gegen 10 Euro die Waschräume im ehemaligen Kloster nutzen kann, also eher eine Art sehr günstiger Campingplatz als ein Naturlagerplatz. Auf jeden Fall eine wunderbare Übernachtungsmöglichkeit.


21:00 Eine Familie aus Paderborn möchte sich mit mir bei Stockbrot unter anderem über die Verkehrswende unterhalten. In anderen Fahrradblogs stünde an dieser Stelle nun deren komplette Lebensgeschichte (weil das wirklich Interessante ja die Menschen sind, die man trifft und so), worauf ich aus Datenschutzgründen aber verzichte.

22:30 Ich lege mich ins Stroh in einer grünen Jurte schlafen. Die steht zufällig noch, weil hier zuvor ein junger Handwerker auf der Walz (Wanderschaft) traditionsgemäß auf diese Weise genächtigt hat, und ich darf es nutzen. Genial! Da habe ich mein Zelt ganz umsonst mitgeschleppt.