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Werra: Von Merkers zur Salzkristallgrotte

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Donnerstag, 12. August 2021

Hunte: Von Wildeshausen nach Lemförde

Dienstagmorgen. Ich erwache. Brauche einen Moment, um herauszufinden, wo ich bin. Liege offenbar im Wald. Über mir verblassen die letzten Sterne zwischen den Zweigen. Bin entzückt, aber auch verwirrt. Erinnere mich vage. Habe gestern versucht, anhand der letzten Sonnenstrahlen auf der ausgehängten Landkarte zu erkennen, wo die Naturschutzgebiete enden, wo ich also einigermaßen legal im Wald schlafen darf. Der letzte Zug war schon weg. Da war auf der einen Straßenseite das Naturschutzgebiet Pestruper Gräberfeld und auf der anderen Seite das Naturschutzgebiet Rosengarten. Keine Ahnung, wieso das so heißt. Es ist halt einfach ein dichter Wald.

Stehe auf und gehe ein paar Schritte. Treffe auf eine Bundesstraße mit Radweg. Esse Frühstück in einer Bushaltestelle und entscheide dann, der Straße zu folgen. Kürze mir dadurch viele Kilometer ab. Komme an 500 Bäumen vorbei. Die wurden als Ersatz für ihre älteren Kollegen gepflanzt, die eine Windhose 2017 abrasiert hat.


In Goldenstedt überspannt ein Kunstwerk die Hunte. Das sind ein paar gebogene bunte Stangen, an denen Seile mit Goldmünzen dran baumeln. Die Goldmünzen konnte ich kaum erkennen, vielleicht wurden die meisten geklaut. Das Kunstwerk heißt Goldregen, es bezieht sich auf die Märchen und Sagen, die sagen, dass da ein Schatz am Ende vom Regenbogen liegt (obwohl der hier ja gar nicht am Ende liegt, sondern aus der Mitte rausregnet, aber das ist vielleicht auch Haarspalterei).
Im Prinzip also ein ganz harmloses Thema. Eigentlich. Aber wie wir diesen Sommer gelernt haben, ist so ein Regenbogen alles andere als harmlos, sondern ein brandgefährliches politisches Statement. Hätte man diese Brücke über die Donau genau neben die ungarische Grenze gebaut, dann hätte sie wahrscheinlich eine außenpolitische Krise ausgelöst und wäre europaweit in den Schlagzeilen gelandet. Aber sie überquert nun mal die Hunte und dieser Fluss passiert keinerlei Grenze (nicht einmal zwischen zwei Bundesländern).
Dennoch lassen die aktuellen Ereignisse eine neue Interpretation des Kunstwerks zu: Wenn in Ungarn demnächst solche Regenbogenbrücken verboten sind, könnte dadurch auch der Goldregen der EU ausbleiben.


Mir fällt etwas auf. Eigentlich sollte aus meiner Tasche ein Laptop ragen. Den habe ich mitgenommen, um in der Bahn ein bisschen zu schreiben. Sehe nun: Er ragt nicht mehr aus der Tasche. Fluche. Durchwühle die Tasche. Fluche. Kehre sofort um und fahre fluchend 20 Kilometer zurück. Komme zu dem Schluss, dass der Laptop vermutlich an der Bushaltestelle Pedestrup liegt, wo ich gefrühstückt habe. Halte unterwegs zwei Busse an und frage sie, ob jemand einen Laptop aufgesammelt hat. Beide entgegnen, sie würden da gar nicht langfahren. Einer kennt nicht mal das Dorf. Wundere mich, dass die Busfahrer sich so wenig in der Gegend auskennen. Stelle später fest, dass es daran lag, dass ich mir den Namen falsch gemerkt hatte. Das Dorf hieß Pestrup, Pedestrup liegt in Dänemark. Fluche. Erreiche die Haltestelle. Nichts. Fluche. Fahre weiter zum Schlafplatz und durchwühle den Wald. Fluche. Gucke nach, ob ich die 20 Kilometer sinnlosen Rückweg irgendwie sinnvoll per Bahn überspringen kann. Fluche. Fahre die 20 Kilometer zum Dritten mal. Beruhige mich umgehend und setze die Tour fort, weil, hilft ja nix.

Esse in Barnstorf erstmal einen Eisbecher für meine Nerven. Gegenüber steht eine Wassermühle. Die sieht zwar ganz schick aus, erscheint in dieser Region aber seltsam deplatziert. Der Schein trügt nicht: SCHWARZWALD Wassermühle verkünden die Buchstaben auf der Gartenmauer. Die hat sich aber ganz schön weit in den Norden verirrt.


Im nächsten Dorf wächst eine Hecke. Sie ist sehr lang, extrem breit und irrsinnig hoch. Frage mich, ob das wirklich nur eine Hecke ist oder was genau da von den Kriechpflanzen versteckt wird. Vielleicht will ich das auch gar nicht so genau wissen. Will es dann aber doch wissen und gucke um die Ecke. Sehe verschiedene Fahrzeuge. Kann nicht erkennen, ob die einfach ganz dicht an der Hecke dranstehen oder halb in die Hecke geparkt sind, als offene Halbheckengarage quasi.

Die letzte große Stadt auf dieser Reise ist Diepholz. Das sieht etwas größer und moderner aus als Wildeshausen, dafür ist weniger los. Naja, ist ja auch Dienstagmittag. Ein Flussarm namens Lohme fließt hier mit der Hunte zusammen, von dem zweigt der Schlossgraben ab.


Diepholz ist stolz auf sein Schloss und kümmert sich liebevoll darum, behauptet eine Tafel. Angeblich ist da ein Museum drin und man kann sogar den Turm besteigen. Entdecke jedoch nur den Eingang zum Amtsgericht und zum Grundbuchamt. Finde Diepholz jetzt aber nicht so toll, dass ich mir da gleich ein Grundstück kaufen will.


Ist auch nicht weiter schlimm, denn im Schlosspark steht auch schon so eine Art Gratismuseum. Sprich: Da stehen Vitrinen mit kleinen Bildern und viel Text. Ein Text erzählt die Geschichte der Grafen von Diepholz. Im Großen und Ganzen lässt sich das folgendermaßen zusammenfassen: Die haben sich überall in Niedersachsen und woanders eingeheiratet, mit adligen Frauen aus Hoya, Oldenburg, Waldeck, Sternberg, den Königen von Schweden... die meisten dieser Orte kenne ich sogar.

Hier startet ein Skulpturenpfad. Den Anfang bildet eine Vitrine mit Tonfiguren. Die wurden von Schulkindern aus afrikanischem Lehm geknetet. Bei einigen lässt sich eine ungefähre Tierart erahnen. Andere Kinder sind künstlerisch schon weiter entwickelt: Bei ihnen erkenne ich genau so wenig wie bei den erwachsenen Künstlern weiter unten am Skulpturenpfad.

 Macht ja nichts, zum Glück wird alles erklärt: In der temporären Skulptur Raumschwingen drückt sich das Ambivalente des Seins dadurch aus, dass zum einen in der Lebenskraft der Raumschwingen der Wunsch sich zeigt, die Räume der Zeitgebundenheit zu überwinden, zum anderen aber die Quelle und damit der Ursprung dieser Lebenskraft an die Ebene des Materiellen gebunden ist. Joa, ach, da wär ich wahrscheinlich auch selber drauf gekommen.

Das hier ist zufällig die Gegend, wo der Schriftsteller Horst Evers seine Kindheit verbracht hat, bis er irgendwann nach Berlin gezogen ist. Wandle nun auf den Spuren dieses großen Dichters.

Denke mir, hm. War das wirklich so eine gute Idee, diesen Blogeintrag im Stil von Horst Evers zu schreiben? Andererseits weiß ich gar nicht, ob man da so einen großen Unterschied bemerkt. Immerhin schaffe ich es eh nicht, seinen Stil so hundertprozentig zu treffen, und außerdem hat mich sein Humor schon länger stilistisch beeinflusst. Glaube ich. Zum Beispiel bekomme ich oft zu hören, dass ich das Wort quasi ja quasi genauso oft benutze wie Horst Evers, also quasi.


In seinem neusten Buch schreibt er über den Dümmer See. Von wegen, dass in seiner Kindheit immer alle Leute sehr skeptisch angeschaut wurden, die freiwillig hierher reisen. Und dass der Bürgermeister mal gesagt hat, dass hier Leute Urlaub machen, für die richtiger Urlaub zu weit oder zu aufregend ist. Diese Geschichte hält die Leute nicht davon ab, hier Urlaub zu machen. Am Ufer erhebt sich eine Reihe sauberer Strände, moderner Hotels, Segelboote, Bootsclubs und Restaurants, erst dahinter geht das normale Dorf los.
Beschließe am erstbesten Strand, eine Runde zu schwimmen. Das Wasser ist warm und flach. Ich wate und warte, das Seil kommt immer näher, dahinter darf ich nicht weiter. Schaffe es gerade so, vor der Absperrung vernünftig zu schwimmen, ohne ständig gegen den Boden zu stoßen.
Bin der einzige im Wasser und der fast der einzige am Strand. 100 Meter entfernt sitzt ein alter Mann auf einer Bank und beobachtet mich skeptisch. Horst Evers hatte mal wieder Recht. Fühle mich etwas unbehaglich und beschließe spontan, lieber in Badehose und T-Shirt weiterzuradeln, statt mich hier nochmal umzuziehen.
Die Hunte fließt durch den Dümmer See durch, auch die Lohme aus Diepholz kommt aus dem See rausflossen und sprudelt über eine Fischtreppe. Bin nicht sicher, welchen Höhenunterschied die Fische auf dieser Treppe überwinden sollen. Es ist alles flach und ich sehe weit und breit keine Schleuse.


Überall heißt es, der Hunteradweg führt Von Elsfelth bis zum Dümmer. Das ist irgendwie komisch, denn der Dümmer ist ein See und keine Ortschaft. Die Karte zeigt noch ein kleines Stückchen vom See und lässt die rote Linie einfach kurz vor dem Wasser abbrechen. Will die letzten Meter geradeaus bis zum Ufer fahren und lande prompt auf einem Privatgrundstück.
Wahrscheinlich soll das darüber hinwegtäuschen, dass es eben keine richtige Stadt mit Bahnhof direkt am Dümmer gibt, die sich als Schlusspunkt eignet. Finde nur lauter kleine Orte, die meistens mit Lem- beginnen: Lembruch, Lemwerder und Lemförde. Letzteres liegt noch ein Stück weiter südlich und hat dann auch einen Bahnhof, ist aber auf der Karte nicht mehr drauf.
Habe vorher zum Glück eine Broschüre mit einer kompletten Karte vom See gefunden. Ein 18-Kilometer-Radweg führt um den See. Normalerweise würde ich da einmal komplett rumfahren, aber dann müsste ich ja eine Seite doppelt fahren, weil ich von Norden komme und nach Süden zum Bahnhof will. Fahre deshalb nur am Ostufer. Im Westen verläuft der Radweg sowieso an der Straße statt am Seeufer. Im Osten dagegen kann ich auf einem roten Kiesweg fahren. Muss dazu allerdings ständig Fußgänger und Graugänse aus dem Weg klingeln.

Durchquere das Naturschutzgebiet Hohe Sieben. Das ist ein seltsamer Name für einen Sumpf. Betrete einen Steg und wandere durch das Schilf. Beobachte eine Entenmutter mit ihren Küken. Normalerweise sieht man die im Stadtpark, wie sie brav in einer Reihe hinter der Mama herschwimmen. Hier sehe ich die aber quasi in ihrem privaten Bereich, und da geht es alles andere als ordentlich zu. Die Küken schwimmen wild durcheinander durch ihr unaufgeräumtes (und überflutetes) Kinderzimmer. Ich versuche, alle zu zählen, aber ich gerate ständig durcheinander. Baumstümpfe, Grasbüschel, Äste und Entengrütze... Moment, was ist das für ein blaues Vogelküken? Das ist ja gar keine Stockente, sondern noch eine andere Art. Wahrscheinlich ist die gerade zum Spielenachmittag da.

Ich bin ja generell kein Fan der Idee, Wörter klein zu schreiben, die eigentlich groß geschrieben werden, nur weil das irgendwie modern und stylisch aussieht. Aber wenn man das bei dem Wort Dümmer macht, dann wirkt diese Idee gleich noch viel dümmer.

Der See wird manchmal einfach Dümmer genannt und manchmal Dümmer See. Überlege, welche Bezeichnung die Einheimischen wohl in Wahrheit benutzen. Will mich ja nicht gleich als Tourist outen. Andererseits - will ich mich etwa als Einheimischer aus dieser Region ausgeben? Frage mich, was wohl peinlicher ist - freiwillig hierhin zu reisen oder freiwillig hier zu leben.

Komme zu dem Schluss: Eigentlich keins von beidem. Der Dümmer ist doch super! Superflach, superweit, supergrün, ganz ähnlich wie das Steinhuder Meer. Und super übervögelt. Aber hallo! Hier sind viele Vögel unterwegs. Das bedeutet zwangsläufig, dass in regelmäßigen Abständen so ein hölzerner Aussichtsturm stehen muss, wo man anhand der Bilder auf einer vergilbten Plastiktafel die einzelnen Vogelarten identifizieren kann (etwas, das mir auf meinen Reisen bisher nur zweimal gelungen ist). Im Norden steht der Nordturm, im Osten der Ostturm, im Süden der Südturm und im Westen war ich ja nicht, aber ich vermute mal ganz stark, da steht der Westturm. Einer der Aussichtspunkte hat komische Plastikscheiben mit Löchern, die man über die Fenster schieben kann. Keine Ahnung, was das bringen soll. Ist ja nicht so, dass die Vögel dadurch besser vor dem Lärm der Leute geschützt sind, wenn die Leute das Fenster nach Belieben öffnen oder schließen können und rundherum sowieso alles offen ist.

1860 wurde ernsthaft geplant, den Dümmer trockenzulegen. Weil dann ja viel mehr Platz für die Landwirtschaft und die vielen Menschen ist. Wurde zum Glück nicht umgesetzt. Wenn Niedersachsen etwas nicht braucht, dann sind es noch mehr flache Felder.

Der Hunteradweg ist jetzt zu Ende, der Fluss aber noch nicht ganz. Die Hunte durchquert das Ochsenmoor, schlüpft unter dem Mittellandkanal durch und quetscht sich durch eine Lücke im Teutoburger Wald. Sie entspringt nördlich von Melle, quasi gegenüber der Hasequelle auf der anderen Seite des Tals.

Epilog

Am Bahnhof Lemförde hat jemand drei weise Ratschläge auf die Wand geschrieben: Stay in drugs. Eat your school. Don't do vegetables. Immerhin: Den dritten habe ich in meiner Kindheit konsequent befolgt.
Fahre über Osnabrück bis zur Zigarrenstadt Bünde und erfahre dort, dass mein Anschlusszug ausfällt und ich eine Stunde warten muss. An sich eine ganz normale Information für einen Bahnfahrer. Wo man sich schon denkt: Das ist jetzt nicht sonderlich originell. Den haben sie schon oft gebracht, da hätten sie sich ruhig was Neues ausdenken können.
Die Bahn-App scannt offenbar automatisch meine Gedanken und denkt sich gleich etwas Originelleres aus: Bei dem Zug in einer Stunde fällt dessen Anschlusszug ausfällt, also quasi der Anschlusszug an den Anschlusszug, sodass ich dann auch in Hannover noch anderthalb Stunden warten muss, während der Anschlusszug an den Anschlusszug, den ich geschafft hätte, wenn der Anschlusszug nicht ausgefallen wäre, ganz normal fährt. Also zwei gekreuzte Verspätungen. Respekt. Das ist schon sehr kreativ und gleich auf so vielen Ebenen ärgerlich. Bin begeistert.

Komme irgendwann in der Nacht zu Hause an und mache mich am nächsten Morgen auf die Suche nach dem verschwundenen Laptop. Laut dem Schild an der Bushaltestelle fahren dort Busse des Verkehrsverbunds Bremen-Niedersachsen. Bin naiv und denke also, dass die zuständig sind und ich mich einfach an sie wenden muss. Ich suche auf Google nach dem VBN, finde eine E-Mail-Adresse und schreibe dahin. Erhalte am nächsten Tag die Antwort: Die sind gar nicht zuständig, dafür muss ich mich an die Verkehrsbetriebe Oldenburger Land wenden, bekomme sogar eine Telefonnummer. Rufe da an und höre eine automatische Durchsage: Willkommen bei der Wilhelm-Hering-Verkehrsgesellschaft. Nanu? Für Fundsachen solle man sich auf der Website melden. Rufe die Website auf. Die besteht eigentlich nur aus Weiterleitungen zur anderen Verkehrsbetrieben, darunter auch wieder die Verkehrsbetriebe Oldenburger Land. Ich klicke mich zur Website der VOL durch und schreibe eine Nachricht ans Kontaktformular. Bekomme am nächsten Tag die Antwort: Die Strecke bedienen sie gar nicht, dafür ist das Busunternehmen Jürgen Schloter zuständig. Immerhin, jetzt habe ich schon einen richtigen Namen. Habe das Gefühl, ich komme dem Ziel langsam nähe. Google findet von Herrn Schloter eine Website und eine Telefonnummer. Leider geht bei der Nummer niemand ran und die Website gibts nicht mehr. Langsam beschleichen mich erste Zweifel. Als Herr Schloter irgendwann doch noch abhebt, frage ich ihn nach dem Laptop. Er erklärt kurz angebunden, es wurde kein Laptop gefunden, es würden aber auch andere Busunternehmen die Haltestelle anfahren. Leider weigert er sich, mir zu verraten, welche das sind. Die Suche geht weiter.

236783 Verkehrsverbünde, Busfirmen und Verkehrsbetriebe später komme ich zu dem Schluss, dass ich den Laptop vermutlich nicht finden werde.
Habe dann noch die Idee, beim Huntebad in Oldenburg zu fragen. Die antworten direkt, dass er gefunden wurde. Jetzt weiß ich wieder, warum ich lieber schwimme als Bus fahre.

Montag, 9. August 2021

Hunte: Von Elsfleth nach Wildeshausen

Montagvormittag. Sitze im Zug in Richtung Nordenham. Stelle fest: Ich bin der einzige, der Montagvormittag Lust hat, im Zug nach Nordenham zu sitzen. Auch schön. Fühle mich gleich wie etwas Besonderes.
Zwanzig Minuten später stelle ich fest, dass ich auch der einzige bin, der am Montagvormittag in Elsfleth aussteigt. Bin womöglich einzigartig.

Oder auch nicht, denn ich bin definitiv nicht der einzige, der an einem Montagvormittag mit dem Fahrrad durch Elsfleth fährt. Da sind so einige unterwegs. Aber hallo! Jedes Mal, wenn ich stehenbleibe, zischen ein paar E-Bikes vorbei wie moderne Raumschiffe. Auf dem Kiesweg am Wasser sind ein paar Spaziergänger unterwegs, ansonsten steht das Städtchen still und unauffällig in der Landschaft rum. Am Hafen soll ein historisches Segelschiff stehen und ein Museum mit Schiffsimulator, aber die einzigen Schiffe, die ich sehen kann, sehen nicht so richtig historisch aus. Außer man benutzt das Wort als Beleidigung, weil sie ein bisschen abgewrackt sind. Ein modernes Haus behauptet, es sei eine Hochschule. Das hätte ich Elsfleth nicht zugetraut, eine eigene Hochschule. Die meisten Häuser sehen aber weder modern noch historisch aus, sondern einfach nur wie Häuser. Kein Wunder, dass die E-Bike-Fahrer vorbeizischen, ohne sich genauer umzusehen.

Die Radfahrer sind alle auf dem Weserradweg unterwegs. Ich nicht. Ich möchte den Hunteradweg fahren. Bin also doch was Besonderes, wusste ichs doch. Außer auf den ersten paar Kilometern, die ich mit den Weserradlern teile. (Wäre die Freundin nicht krank geworden, würde ich dieses Wochenende sogar genau hier den Weserradweg fahren.)

Die Hunte mündet am Sportboothafen Elsfleth in die Weser. Will mir erstmal die Mündung ansehen. Das ist im Prinzip eine Linie aus Gras und Steinen im Wasser, und mittendrin ist eine kleine Lücke, wo sich die Flüsse berühren. Das sieht ganz schön eng aus. Wieso macht man das ist für die Bootsfahrer so schwierig? Naja, vielleicht sieht das auch nur von meinem Blickwinkel so aus. Oder ich sollte einfach nicht von meiner Treffsicherheit auf andere schließen. Angesichts meiner Erfahrungen beim Basketball in der Schule wäre das wohl wirklich eine gute Idee.

Hinter der Mündung liegt gleich das Huntesperrwerk. Da darf man zu jeder vollen Stunde zwanzig Minuten lang rüberfahren. Für die Weserradler ist das eine praktische Abkürzung, bei der sie ganz Elsfleth umgehen. Sie fahren auf die Insel Elsflether Sand und über eine Brücke später wieder runter. (Eine Insel ist das deshalb, weil auch noch irgendwelche anderen Gräben und Arme die Weser und die Hunte verbinden. Einer davon heißt zum Beispiel Rekumer Loch, was nicht direkt einladend klingt.) Im Moment verkündet ein Schild, wegen Bauarbeiten sei das Sperrwerk generell gesperrt, egal wie spät es ist.

Ein älterer Rennradfahrer nähert sich dem sperrigen gesperrten Sperrwerk, liest das Schild und ärgert sich. Anschließend liest er ein zweites Schild und ärgert sich noch mehr, denn auch die Brücke für den normalen Weserradweg ist gesperrt. Man soll Brücke Nr. 3 an der Bundesstraße nehmen. Ich müsste die sowieso nehmen, aber von der Weser aus ist das ein ganz schöner Umweg. Der Mann überlegt, ob er nicht doch nach Bremerhaven zurückfahren soll, was aber noch viel länger ist. Er fragt mich um Rat. Ich kann ihm im Prinzip auch nur das sagen, was auf den Schildern steht. Aus irgendeinem Grund scheint ihn das zufriedenzustellen und er fährt weiter.

Als ich Brücke Nr. 3 erreiche, steht sie senkrecht in der Luft. Das überrascht mich. Erinnere mich vage, auf dem Schild irgendwas von wegen Klappbrücke gelesen zu haben. Dennoch habe ich nicht mit diesem Anblick gerechnet: Ein halber Kilometer Bundesstraße ragt in den Himmel, nur um ein klitzekleines Segelboot durchzulassen, dessen Mast ein bisschen zu hoch ist. Schaue mich um, ob Egon Olsen in der Nähe ist. Als das Boot durchgesegelt ist, senkt sich die Brücke ganz langsam nach unten. Vorne am Asphalt sind so schwarze Gummizacken dran. Ein bisschen wie die Zähne eines grauen Steinriesen, der mit dem Konzept der Zahnhygiene bislang keine Erfahrungen gemacht hat. Schließlich legen sich die Zacken der Brücke auf die Zacken der restlichen Straße. Erstaunlich, dass das bisschen Gummi in der Lage ist, die Brücke zu halten.

Ich schaue in die Karte, wie es weitergeht. Das ist nicht so eine schicke neue Karte vom Esterbauer-Verlag. Diese Karte habe ich in den Tiefen des Internets auf einer leicht altbackenen Website entdeckt, also sofern man das Wort altbacken für Websites benutzen kann. Habe sie dort bestellt und war überrascht, dass ich die gewünschten sieben Euro gar nicht zahlen musste. Nochmal nachgeguckt: Nein, keine Zahlungsdaten in der E-Mail, nirgendwo. Was letztlich aber irgendwie auch fair war, denn die Karte kam auch nicht.

Nach zehn Tagen hatte ich dann mal nachgefragt, wo sie denn bleibt. Es kam eine ganz nette Antwort: Da hat sich leider ein Fehler eingeschlichen, wir hoffen, sie bekommen sie noch rechtzeitig. Bald darauf war sie dann da. Man merkt gleich, dass sich jemand bei der Konzeption der Karte Gedanken gemacht hat. Die Gedanken lauteten: Wie können wir diese Karte so unhandlich und unpraktisch wie möglich machen? Es gibt ja so große Karten zum Auffalten, und es gibt Kartenbücher zum Umblättern. Diese Karte vereint die Nachteile von beidem. Sie besteht aus einer Plastikhülle mit vier mittelgroßen Karten zum Auffalten darin, und rundherum ein gefaltetes Stück Pappe, das diese Karten durch das Prinzip Hoffnung zusammenhalten soll. Aber immerhin, wenn man raufguckt, ist das sehr übersichtlich, weil der Maßstab so klein und die Landschaft so leer ist.

Die erste Karte geht von Elsfleth nach Oldenburg. Auf der Rückseite sind Sehenswürdigkeiten beschrieben. Alle befinden sich ausnahmslos in Elsfleth oder in Oldenburg. Überlege, was das wohl über die Landschaft dazwischen aussagt. Wahrscheinlich, dass sie ziemlich menschenleer ist. Aber andererseits auch nicht so menschenleer, dass das schon eine eigene Sehenswürdigkeit darstellt. Das beschreibt die Wesermarsch eigentlich ganz gut.

In der Wesermarsch gibt es den Fluss, dann kommt der Deich, eventuell ein paar reetgedeckte Häuser, dann nur noch Felder. Und ab und zu ein Entwässerungsgraben, der unter dem Deich durchschlüpft. Wesermarsch klingt so ähnlich wie Wasser marsch. Zu Recht, denn es ist definitiv eine Menge Wasser vorhanden. Überlege, ob ich die Hunte nicht lieber als Gedicht beschreiben soll:

Mein Sattel in der Wesermarsch,
der tut mir etwas weh am...

Nee, lieber doch nicht.

Auch wenn das alles erstmal nicht so spannend klingt, lassen sich hier faszinierende Naturschauspiele beobachten. Zum Beispiel: Zwei Traktoren fahren aneinander vorbei auf einer Straße, die so breit ist wie ein Traktor. Oder das besonders seltene Phänomen: Motorisiertes Fahrzeug überholt Radfahrer unter Einhaltung des vorgeschriebenen Sicherheitsabstands. Oder: Krähe setzt sich einem Schaf auf den Rücken und reißt Wolle für ihr Nest aus. Letzteres wollte ich gern fotografieren, aber leider ist die durchschnittliche Krähe deutlich schneller als meine Hand mit meiner Kamera. Schade. Da hätte man bestimmt lustige Memes draus machen können. Aber auch so liegen überall Schafe in witzigen Positionen herum. Das bringt mich auf eine Idee: Wieso stelle ich die Hunte nicht in Memes dar? (Für die älteren: Das sind komische Bilder im Internet, meistens mit weißer, kurzer Beschriftung, die oft ein verbreitetes Schema variieren und häufig Metaphern darstellen.)


Die Schafe sind hier wirklich extrem wichtig, denn eine schüttere, obergräserreiche Grasnarbe mit lockerem Unterboden ist 1962 eine der Hauptursachen für zahlreiche Ausspülungen und Kappenstürze. Ein regelmäßiges Abweiden schafft dagegen eine feste, dichte Grasnarbe und der Tritt der Hufe (Trippelwalze) schließt Wühltiergänge. Der Schäfer, der diese Informationstafel verfasst hat, kann ungefähr so anschaulich und eingängig erklären wie ein Mathematikprofessor.
Auf den ersten 25 Kilometern sehe ich wirklich viele Schafe und fast genauso viele Wölfe, allerdings nur auf Plakaten. Dem Subtext meine ich zu entnehmen, dass die Landwirte den Wölfen gegenüber grundsätzlich erstmal eher negativ eingestellt sind. Was genau die gegen die Wölfe machen oder fordern oder was auch immer, steht da aber nicht. Außerdem weiß ich nicht, ob es dem eigenen Anliegen wirklich nützt, wenn sie Fotos nehmen, auf denen die Wölfe wie niedliche, gutmütige Huskys gucken. Warum nicht ein zähnefletschendes Ungeheuer und darunter eine Forderung wie Mehr Wackersteine jetzt?


Auf einem Aussichtspunkt kann ich über den Deich gucken. Stelle fest: Auf der Hunte sind Schiffe unterwegs. Aber hallo! Das sind nicht nur ein paar Paddelboote, sondern richtig fette Pötte. Damit die von der Weser bis Oldenburg durchkommen, wurde die Hunte an 20 Stellen begradigt. Und zum Ausgleich für die Natur ist in der Kurve so ein komischer kleiner See. Zweimal am Tag ist der mit dem Fluss verbunden, wenn Flut ist.
Oldenburg selbst hat übrigens keine Deiche, sondern nur Polder, also so Gebiete, wo das Wasser bei Hochwasser hinfließen soll. Blöderweise haben die Oldenburger ihre Kläranlage, den Osthafen, die Weser-Ems-Halle und die Autobahn in die Polder reingebaut und mussten dann jedes Mal woanders einen Ersatzpolder anlegen.
So steht das da auf den Infotafeln. Im Prinzip steht da mehr oder weniger dasselbe wie am Rhein, an der Weser und an den meisten anderen Flüssen. Ich sags mal so: Wer in Deutschland einen großen, nicht begradigten Fluss sehen will, der braucht kein Fahrrad, sondern eine Zeitmaschine.

So langsam wird die Strecke etwas eintönig. Hoffe, dass ich bald Oldenburg erreiche. Erreiche kurz darauf Oldenburg. Freue mich, dass ich gleich im Zentrum bin. Ich muss nur noch diese Straße überqueren, dann über die Brücke und links.

Zehn Minuten später keimen in mir erste Zweifel auf. Neben mir stehen ungefähr zwanzig Radfahrer. Sie alle wollen offensichtlich über die Straße. Aber die Autos fahren dicht an dicht. Niemand hält an. Wir warten.
Frage eine Frau, wie lange sie hier schon wartet. Sie zeigt auf ihr Kind und den Mann hinter. Sagt, sie hätte hier beim Warten ihren Mann kennengelernt und letztes Jahr hätten sie beschlossen, eine Familie zu gründen. Ich lache. Hoffe, sie macht einen Witz.

Im Mittelalter verteidigten sich die Städte mit Stadtmauern gegen feindliche Angreifer. Heutzutage werden Bundesstraßen eingesetzt. Gegen Radfahrer sind sie sehr effektiv. Und wenn der Verkehr noch ein klein wenig dichter wäre, dann wären sie vermutlich auch gegen Autofahrer sehr effektiv.

Zwei weitere Radfahrer stoßen zur Gruppe. Plötzlich geht ein Ruck durch die Menge. Die ersten preschen in eine Lücke, und die Masse folgt ihnen. Die Autofahrer sind gezwungen, anzuhalten. Ich verstehe. Hier gibt es keine Ampel, stattdessen muss man warten, bis die Wartenden eine kritische Masse erreicht haben. Zum Glück ist (noch) so gutes Fahrradwetter, sonst hätte ich hier übernachten müssen.

Im Zentrum von Oldenburg stehen lauter klassizistische Paläste: ein gelbes Schloss mit Schlossmuseum, ein weißer Prinzenpalais mit Kunstmuseum, und so weiter. Bestimmt hat die Großstadt auch dunkle Schattenseiten hinter dieser prächtigen Fassade. Aber ich habe gerade keine Lust, die zu suchen - wozu auch, wenn man beim Vorbeiradeln die Fassade bewundern kann. Bin schließlich Tourist.

In Oldenburg wird das Wasser neu aufgeteilt. Zuerst teilt sich die Hunte in Alte Hunte und Neue Hunte. Die Alte Hunte fließt träge durch die Innenstadt und wird an jeder Kreuzung unter die Erde verbannt. Ab und zu darf sie dann wieder rauskommen. Hinter dem Stadtzentrum ist ihr sogar ein längerer Spaziergang im Schlosspark erlaubt.

Im Prinzip wird die Alte Hunte wie alle Alten in der Gesellschaft behandelt - wenn es passt, holt man sie mal raus, ansonsten wird sie ins Altersheim beziehungsweise in die Kanalisation abgeschoben.

Fahre am Schwimmbad von Oldenburg vorbei. Es heißt Olantis Huntebad. Olantis, also quasi Atlantis plus Oldenburg. Denke, mein Gott, welcher kreative Geist hat sich denn das schon wieder ausgedacht. Beschließe dennoch, schwimmen zu gehen.
Im Freibad darf man sogar in der Alten Hunte baden, die jetzt aus irgendeinem Grund plötzlich Mühlenhunte heißt. Die Leute können in einem ganz natürlichen Fluss schwimmen, also quasi. Ich schwimme eine Weile im Fluss. Es ist trübe, aber warm. Normalerweise ein sicheres Zeichen, dass ein Kind ins Wasser gepinkelt hat, aber ich bin gerade der einzige im Fluss. Keine Ahnung wieso, aber die schwimmenden Vormittagsrentner ziehen alle das gekachelte 50-Meter-Schwimmbecken vor. Obwohl, andererseits, wozu sollte man auch schwimmen, wenn man nicht genau weiß, wie weit man geschwommen ist? Da könnte man ja auch gleich in der Natur joggen gehen statt auf dem Laufband.
Es gibt ja in Deutschland einige Freibäder, wo man sowohl in einem Becken als auch in einem Natursee baden kann, aber das ist das erste Mal, dass ich so was mit einem Fluss sehe. Hätte gar nicht gedacht, dass das in Deutschland so einfach geht. Könnte ja gefährlich sein, von wegen Strömung und so. Aber Tatsache, es geht. Man muss halt nur vorher einen neuen Flussarm bauen, über den die Mühlenhunte außenrum fließen kann, den Fluss auf der einen Seite mit großen Steinen abdichten und auf der anderen Seite mit einem Netz, das an einem Steg hängt, und einen flachen Sandstrand aufschütten. Da sage noch einer, in Deutschland sei immer alles so kompliziert.

Am Ausgang von Oldenburg teilt sich die Neue Hunte schon wieder, diesmal in die Hunte (also den normalen Fluss) und den Küstenkanal. Dazwischen führt ein Kiesweg entlang, links und rechts tauchen in regelmäßigen Abständen Ruderbootclubs auf. Die haben hier die einzigartige Auswahl, ob sie ihr Boot links oder rechts ins Wasser setzen.
Der Küstenkanal fließt mit der Alten Hunte zusammen und geht dann quer durch bis zur Ems. Hier biegen dann auch die ganzen großen Pötte ab. Die können sich auf diesem Kanal einmal ganz Ostfriesland abkürzen. 

Am Friedhof von Wardenburg steht ein besonderer Turm. Was den Turm so besonders macht, ist, dass  er nicht religiös ist. Da drin wurden nur Glocken geläutet und Wache gestanden. Okay, ich vermute mal, die Glocken wurden schon auch für den Gottesdienst geläutet, aber trotzdem war das im Prinzip, also an sich, kein Kirchturm. Es verrät viel über den Einfluss, den die Kirche damals hatte, dass man so einen Turm nirgendwo sonst in der Region finden kann. Der einzige Turm für Atheisten. Damit die auch mal einen Ort haben, um reinzugehen und ganz in Ruhe nicht zu beten.

Bestimmt bin ich nicht der einzige, der da an den Film Willkommen bei den Sch'tis denken muss, wo der eine Einwohner versichert, ihr Turm mit dem Glockenspiel drin sei "nichts religiöses", in deinem Tonfall, in dem man auch "nichts unanständiges" sagen würde.

Ab jetzt ist die Hunte also ein kleiner Fluss ohne große Schiffe, der ganz natürlich fließen darf. Also außer, das beeinträchtigt die Menschen irgendwie. Und auch nur für wenige Kilometer. Und auch nicht da, wo sie ursprünglich geflossen ist. Und auch ein bisschen begradigt. Aber sonst - ganz natürlich.
1996 wurden zwei alte Flussarme wieder angeschlossen, und eventuell kommt in Zukunft vielleicht noch einer dazu.

Ich darf eine ganze Weile am Fluss fahren, aber irgendwann sind auf dem schönen Deichweg keine Fahrräder und Hunde mehr erlaubt. Das mit den Hunden wird auf dem Schild genau erklärt: Immer wieder werden tote Schafe im Wasser gefunden, weil sie vor Joggern oder Hunden in Panik geraten und sich gegenseitig in die Hunte schubsen. Da frage ich mich schon, wie die Spezies Schaf ohne den Menschen überhaupt überleben konnte.

Es folgt ein kurzer Abschnitt, wo die Wege ziemlich wild sind.

Ich holpere durch den Sand am Tillysee. Ein Schild verbietet so gut wie alles, was die Natur irgendwie beeinträchtigen könnte. Gute Wege gehören leider offensichtlich auch dazu.

Auch die Beschilderung ist manchmal ein bisschen schwierig. Verfahre mich das einzige Mal so richtig auf dieser Tour. Verglichen mit meiner üblichen Leistung ist das ziemlich gut.

Laut Karte komme ich nun vorbei am sogenannten Freizeitpark Ostrittum. Da gibts keine Achterbahnen, sondern ein paar Wildtiere, Spielplätze und einem Märchenwald. Also für Kinder im Prinzip super. Ich finds nur seltsam, dass man dafür dasselbe Wort benutzt wie für ein riesiges 50 Euro teures Areal, wo lauter hohe Achterbahnen und anderes wahnsinniges Zeug steht.

Ein Biobauernhof hat die Verkaufsstrategie übernommen, mit der Bahnhöfe den Reisenden uralte Schokoriegel andrehen. Ein Automat schmeißt gegen Münzeinwurf. Chips, Schokoaufstrich, Käsesuppe im Glas und tausend Sorten Fleisch und Wurst raus. Zum Glück wird das Zeug gekühlt. Das steigert mein Vertrauen in diesen Automaten ungemein, sodass ich mir tatsächlich etwas hole.


Als mir die Fahrradkarte geschickt wurde, stand im Brief Vielen Dank, dass Sie sich für den Naturpark Wildeshauser Geest interessieren. Da hatte ich dann ein bisschen ein schlechtes Gewissen. Dass ich mich für den Naturpark Wildeshauser Geest interessiere, kann man so jetzt nicht direkt sagen. Ehrlich gesagt wusste ich bis dahin überhaupt nicht nicht, dass so etwas wie ein Naturpark Wildeshauser Geest überhaupt existiert. Ich weiß eigentlich nicht mal, was überhaupt eine Geest ist. Ich dachte, das sei irgendwie das Land hinter der Küste, mit Deichen und so. Also quasi wie die Küste, nur ohne das Meer.
Stelle nun fest: Totaler Quatsch. Die Wildeshauser Geest ist im Prinzip ein Wald. Ein wilder, schöner, uriger Wald, und mittendurch schlängelt sich die Hunte, so richtig norddeutsch und ein bisschen geheimnisvoll. Genau genommen sogar sehr geheimnisvoll. Plötzlich komme ich auf einer Kreuzung raus und sehe, dass ich laut Wegweiser links abbiegen soll. So weit, so gut, passt auch zu dem, was die Karte sagt. Komisch ist nur, dass ich laut dem Wegweiser genau aus der gegenüberliegenden Richtung hätte kommen müssen. Wie kann das sein? Der Wegweiser sitzt fest, er wurde nicht verdreht. Funktionieren Raum und Zeit in diesem Wald anders? Oder habe ich mich womöglich schon wieder verfahren? Ich werde es wohl nie erfahren.

Wald ist aber nicht die einzige Landschaft, die es zu sehen gibt. Zumindest laut den Straßenschildern. Die Straßen hier heißen alle Moorweg, Heideweg, Waldweg oder so ähnlich. Überlege, das ist ja eigentlich schon ein Privileg, wenn man so viele Landschaften hat, dass man alle Straßen danach benennen kann. Würde man das in Nordafrika machen, dann hießen alle Straßen Wüstenweg. Oder im Norden von Sachsen-Anhalt - überall nur Ackerweg. Wäre für die Orientierung auch eher suboptiomal.

Vom Moor sehe ich nichts, das ist zu weit weg vom Radweg. Aber für die Heide ist ein nur ein kleiner Umweg nötig, den nehme ich gern auf mich. Ich habe die Heide jetzt schon in vielen Jahreszeiten gesehen und bin gespannt, wie sie im Juli aussieht, kurz vor der Blüte. Stelle fest: Gar nicht mal so interessant. Da ist alles grün, sieht fast so aus wie normales grünes Gras oder Getreide. Tatsächlich fand ich die Heide im Dezember interessanter, da war noch viel von der violetten Farbe aus dem Sommer übrig.
Die Bewohner der Heide stört das nicht. Also, glaube ich zumindest. Denn die sind ja schon lange tot. Unter dem Heidekraut wurden Leichen aus der Steinzeit bestattet. Eins muss man den Steinzeitmenschen lassen, sie haben sich schöne Orte für ihre Friedhöfe ausgesucht.
Der erste Friedhof liegt in Döttlingen und besteht aus richtig großen Steinen. Die liegen zwar nicht mehr so aufeinandergestapelt wie ursprünglich geplant, aber allein die Tatsache, dass da so viele Riesensteine liegen, zeigt eindeutig, dass die da nicht von allein hingekommen sind. Die Grabstätte heißt Glaner Braut. Ein Name, der Fragen aufwirft. Es wird vermutet, dass die Menschen damals wirklich die Nähe solcher Friedhöfe als ideale Location für eine Hochzeit angesehen haben. Was erstmal seltsam klingt, aber eigentlich hat sich, seit das Christentum dazukam, gar nicht so viel geändert - jetzt ist halt nur die Wand einer Kirche dazwischen.
Der zweite Steinzeitfriedhof ist eine Nummer größer. Der heißt Pestruper Gräberfeld und besteht aus großen, länglichen Hügeln. Die türmen sich in der Heide auf wie Wellen, nur dass sie sich halt nicht bewegen - aber ansonsten im Prinzip genau wie Wellen. Abends im Mondschein ist das schon ein magischer Anblick. Hat was.

Also insgesamt ist die Wildeshauser Geest schon echt eine super Landschaft, wenn man auch mal auf Berge und so verzichten kann. Mittendrin ist da auch noch die Stadt Wildeshausen. Die ist auch super. Zum einen ist da so eine historische Altstadt, neben der Kirche steht das älteste Haus im Oldenburger Land. Und dann hat diese Altstadt auch noch ein Nachtleben. Zumindest ein bisschen. Sprich: Ich konnte gleich zwischen drei geöffneten Restaurants wählen, und die waren auch noch gut besucht. Mitten im ländlichen Niedersachsen während einer Pandemie ist das definitiv eine Erwähnung wert.
Beschließe, im Ratskeller etwas zu essen. Das Rathaus war in der Vergangenheit schon eine Markhalle, ein Gefängnis und Feuerwehrhaus, da ist ein Restaurant wahrscheinlich kaum nicht weiter ungewöhnlich. Am Nebentisch sitzen sieben ältere Herren. Einer von ihnen beschwert sich bei der Kellnerin, sein Bier sei zu kalt.
Das überrascht mich.
Die junge Kellnerin offenbar auch. Sie erklärt dann aber ganz routiniert, dass sie nur die eine Zapfanlage hätten, die das Bier nun mal so kalt macht und es aus ökonomischen Gesichtspunkten, da die meisten Gäste so kaltes Bier nun mal lieber mögen, keinen Sinn ergäbe, eine andere Zapfanlage zu erwerben, falls es so eine überhaupt gibt. Der Herr zeigt angesichts dieser betriebswirtschaftwissenschaftlichen Ausführungen Verständnis und bestellt ein zweites Bier.
"Ihr dürft das ja schon trinken, ihr seid doch schon groß. Ihr seid doch über 16, oder?", witzelt die Kellnerin.
"Ja, oder wie man bei uns sagt: Pflegestufe 2.", entgegnet ein älterer Herr.
Denke mir, Generationenkonflikt ist in Wildeshausen offenbar ein Fremdwort. Wie schön wäre es, wenn Alt und Jung immer so unbeschwert miteinander umgingen.


Freitag, 16. Juli 2021

Hase: Von Melle nach Lage

Von allen Nebenflüssen der Weser ist die Hase vermutlich der eigenartigste. Nur durch Zufall habe ich entdeckt, dass es diesen Fluss überhaupt gibt und das man ihn als Nebenfluss der Weser sehen könnte, zumindest teilweise. Die Hase ist nämlich bi: Sie fühlt sich sowohl zur Weser als auch zur Ems hingezogen.















Der Teutoburger Wald im Juli ist heiß, grüngelb und für Radler und Römer potentiell gefährlich. Ein Waldrücken zieht sich wie eine Linie über den Horizont und bildet die Barriere zwischen Norddeutschland und Mitteldeutschland. Wald und Feld sind sauber voneinander getrennt. Der Teutoburger Wald ist irgendwie unauffälliger und ordentlicher als all die anderen deutschen Mittelgebirge, die sich südlich dieser Waldlinie auftürmen.
Die Sonne brennt, das Getreide reift und kleine suizidale Fliegen kollidieren bei Höchstgeschwindigkeit mit meinem Auge. Aaargh!
Manchmal regnet es hier aber auch. Dann sickert das Wasser in die Erde, bis es auf  Ton trifft. Der ist wasserdicht.

Also rutscht das Wasser über die Tonschicht, bis der Berg zu Ende ist und es an der Seite raussprudelt. 

Einige Minuten nach dem Insekten-Crash erblickte mein zusammengekniffenes Auge einen schmalen Waldstreifen und tröpfelte einige Tränen in eine Moosmatschpfütze. Das ist die Quelle der Hase. Von hier aus braucht das Wasser sechs Tag bis nach Meppen, mir dagegen waren zwei Tage genug, obwohl meine Route sogar 33 Kilometer länger war als der Fluss (wenn ich mal ein bisschen angeben darf).
Die Quelle ist an sich nicht sehr spannend, dafür aber mit Bänken, Fahrradständer, übersichtlichen Infotafeln und einer großen Holztafel ausgestattet. Darauf prangt der beste Slogan, den ich je im Zusammenhang mit einem Fluss gelesen habe: Wir wissen, wie die Hase läuft.

(Übrigens habe ich wirklich mehrmals Hasen an der Hase hoppeln sehen, so viele wie auf keiner anderen Tour. Für ein Foto waren die zu schnell.)


Die Hasequelle hat sogar ihre eigene Bushaltestelle, obwohl da niemand wohnt.


Als erstes passiert die Hase ein paar Bauernhöfe.


Dann durchquert sie einen dunklen Wald, wo sie unter einem grünen Brückengeländer durchfließt. Unter grünen Geländern durchfließen ist die zweitliebste Beschäftigung der Hase.


Die schmalen Pfade im Unterholz führen zu privaten Waldhäusern. Hier soll sich irgendwo der Hasesee alias Kronensee liegen, den ich aber nicht gefunden habe. Seit der See 2003 umfangreich umgebaut und etwas verkleinert wurde, fließt die Hase da sowieso nicht mehr durch.


Also habe ich den See rechts liegengelassen und aus den Bergen rausgefahren, um auf irgendwelchen Feldstraßen im Zickzack hin und her zu irren.
Auch an der großen Landstraße fehlen 3,5 Kilometer Radweg zum nächsten Ort. Deshalb hat das Dorf Himmern eine Aktion gestartet: Jeder kann sich seinen eigenen Meter Radweg finanzieren, auf Wusch auch mit Namensplakette. Schilder, Flyern und rot angemalte Räder (eine nette farbliche Abwechslung in der grünen Landschaft) werben dafür. 


Nur einmal ganz kurz bietet die Gegend ein richtig schönes Stück Flussradweg direkt am Ufer, und zwar an der interessantesten Stelle der Hase: Die Bifurkation. Das ist quasi das Gegenteil einer Mündung: Ein Fluss teilt sich in zwei Teile, die in verschiedenen Flusssystemen landen (sonst wäre es nur ein Delta). Bifurkationen sind selten, denn dafür muss ein Fluss ganz dicht an einer Wasserscheide langfließen und es muss so flach sein, dass er die Wasserscheide einfach mal gepflegt ignorieren kann.


Weil Bifurkationen so selten sind, wird diese hier von einem Bifurkations-Erlebnispark umgeben. Der Begriff erscheint vielleicht ein bisschen hochgegriffen. Der Park besteht aus vielen Texttafeln, einem Wasserspielplatz mit Pumpe, bei dem sich die Wasserrinnen teilen, und viel, viel grünem Geländer. Genau an der Stelle, wo sich der Fluss teilt, befindet sich gar keine Erde mehr, sondern eine Betonplattform mit grünem Geländer. Um dorthin zu kommen, muss man aber zunächst zwei Flüsse auf Brücken mit grünem Geländer überqueren und kann unterwegs noch einen kleinen Aussichtsturm mit grünem Geländer besteigen.


Wie die Bifurkation der Hase entstand, ist immer noch umstritten. Dazu existieren folgende Theorien:

a) Es ist eine natürliche Bifurkation: Die Hase hatte einfach Bock, sich zu teilen.

b) Es ist eine künstliche Bifurkation: Die Bauern einen Graben gebuddelt, um zusätzliches Wasser von der Hase in die Uhle zu leiten und damit ihre Wassermühlen anzutreiben. Zugegeben, mit dem ganzen Beton sieht die Teilung schon recht künstlich aus.

c) Beides ist richtig: Zuerst war es eine periodische natürliche Bifurkation, das heißt, nur bei Hochwasser ist ein bisschen was von der Hase in die Weser rübergelaufen. Die Bauern haben daraus eine dauerhafte gemacht. Der neue Abfluss hieß zuerst Twelbeke und wurde später Else genannt, weil ein Kartograph den mit einem anderen Bach verwechselt hat.

d) Ein Ritter verlobt sich mit einer einfachen Müllerstochter namens Else. Sein Vater findet das so schlimm, dass er sie am Ufer der Hase ersticht. Vor Wut sprudelt die Hase um ihre Leiche herum und teilt sich.
Da stellt sich natürlich die Frage, ob das als natürliche oder künstliche Bifurkation einzustufen ist. Einerseits hat sich die Hase freiwillig geteilt, andererseits hat ein Mensch das verursacht.
Für diese sagenhafte Theorie spricht jedenfalls, dass der rechte Flussarm etwas schneller und spritziger unterwegs ist.


Die Else bekommt etwa ein Drittel des Wassers. Sie fließt nach kurzer Zeit mit der Uhle zusammen, die schon zum Flusssystem der Weser gehört.

 

Dann wird sie viel breiter und durchquert die Stadt Melle, vorbei an den vier weißen Fachwerkhäusern des Gröngaumuseums. An ihrem Ufer erstreckt sich eine Hochzeitsallee. Das bedeutet, jedes Brautpaar pflanzt einen Baum und ein dazugehöriges Schild mit Namen, Datum und Baumart. Der Baum wächst dann, das Schild in der Regel nicht. Viele, viele metallene grüne Brückenbögen überspannen die Else. Später mündet die Else in die Werre, und die landet bei Bad Oeynhausen in der Weser.
Melle ist zufälligerweise auch die dichteste Stadt mit dem einem Bahnhof, weshalb ich dort morgens an der Else mit dieser Tour begonnen habe.


Das ist etwas absurd, denn eigentlich folgt diese Tour gar nicht der Else, sondern dem anderen Arm des Flusses. Die restlichen zwei Drittel des Wassers behalten den Namen Hase und fließen nach Westen.


Diese Radroute heißt Hase-Ems-Tour und ist einer dieser Radwege, bei dem ich nicht weiß, warum der immer so unnötige Schlenker durch Dörfer macht, in denen es nichts gibt. An der Landstraße ist doch die ganze Zeit so ein gerader Radweg! Ab und zu liegen Gutshäuser oder Schlösser in der Nähe, die sind aber meistens geschlossener Privatbesitz.


Dann nähert sich die Hase auch schon ihrer größten Stadt. Den unnötigen Umweg durch das Ostviertel habe ich mir abgekürzt, um die Strecke an der Hase umso mehr genießen zu können. So ist das bei kleinen Flüssen: Schöne Uferwege gibts meistens nur in der Nähe der Städte, weil es sich nur dort lohnt, welche zu bauen. Ein Kiesweg folgt dem Gürtel aus wilden grünen Ufer-Wucher-Pflanzen, darüber spannt sich eine Betonbrücke nach der anderen.


Der Uferweg hat eine Ampel, die bei Hochwasser rot leuchtet, dann darf man nicht weiter. (Daneben ist ist übrigens ein typisches Fahrradschild aus dem Osnabrücker Land mit dem Logo der Hase-Ems-Tour zu sehen.)


Osnabrück ist die schönste der vier großen niedersächsischen Städte. (Das spricht zwar durchaus für Osnabrück, vor allem aber gegen Hannover, Braunschweig und Wolfsburg.)
Auch viele Autofahrer wollen nach Osnabrück. Als ich sah, wie sie in einer langen Schlange bei der Affenhitze auf einen Platz im Parkhaus warteten, wusste ich mal wieder, dass ich das richtige Verkehrsmittel gewählt hatte.

Osnabrück wurde zur Stadt, indem Karl der Große hier aus strategischen Gründen einen Bischof hinsetzte. (Der Karl scheint generell für die meisten Städte an der Hase verantwortlich zu sein.)
Die Spezialität der Stadt sind hohe Kirchen und sprudelnde Brunnen. Auf dem Platz des Westfälischen Friedens verkündet die Figur auf dem Brunnen den Westfälischen Frieden. Dieser Frieden ist das mit Abstand wichtigste, das in Osnabrück je passiert ist: Hier endete ein Krieg, der 30 Jahre lang Europa verwüstet hatte. Da es noch keine Zoom-Konferenzen gab und sich die Katholiken und Protestanten nicht persönlich in die Augen sehen wollten oder die Stadt zu klein für alle war oder was weiß ich, liefen die Verhandlungen maximal kompliziert ab: Die schwedische Königin Christina und die protestantischen Städte Deutschlands saßen im Rathaus Osnabrück und schickten Boten zu den Katholiken in Münster. Die Boten ritten vier Jahre lang hin und her, bis eine Einigung da war.
Anders als Münster hatte Osnabrück auch selbst beim Krieg einiges abbekommen, weshalb es den Bewohnern superschlecht ging und selbst die Gesandten des Friedens in einfachen Hütten wohnten.


An der Altstadt endet der Uferweg, kurz darauf geht es aber mit einer noch schöneren Allee weiter.


Hier rauscht die Hase durch ein richtig großes Wehr.


Dann hat Osnabrück auch noch das beste Erlebnisbad in Niedersachsen. Es sieht zwar einfach nur weiß aus, bietet aber so abgefahrene Sachen wie Stehrutschen, Ninja-Parcours im Schwimmerbecken oder im Weltall schnorcheln mit VR-Brille. Dieses Schwimmbad wurde nach einem Nebenfluss der Hase benannt: Nettebad.


Ein anderer interessanter Ort ist das Museum der Industriekultur - sofern man es denn findet. Das ist nicht ganz so einfach, denn das Museum besteht aus vielen klassizistischen bahnhofsähnlichen Hallen. Die meisten davon werden nur für irgendwelche Sonderveranstaltungen geöffnet.


Ich bin in eine komplett menschenleere Sonderausstellung über Wasser gestolpert, wo eine historische, 11,3 Meter lange Karte der Hase im Fürstbistum Osnabrück den Boden bedeckte. Die hat ein Richter angefertigt, statt selbst zu recherchieren hat er sich auf Sekundärquellen verlassen, weshalb die Karte nicht ganz exakt ist.
Die Ausstellung bestand aus drei Räumen und befasst sich mit den üblichen allgemeinen Themen Wasserknappheit, Wassersparen, virtuelles Wasser usw. Erst als ich an der Kasse fragte, wo denn der Rest sei, wurde mir klar, dass ich gerade nur für diese drei Räume bezahlt hatte. Das eigentliche Museum war noch zehn Minuten Fußmarsch entfernt.


Das Gebäude mit der Dauerausstellung erhebt sich auf dem steilen Piesberg. Der gehört zum Wiehengebirge (noch so eine gerade Waldlinie) und ist der letzte Berg auf dieser Tour, denn danach bleibt es flach.
Schon immer wurde hier ein bisschen an den Bodenschätzen gekratzt. Dann aber fand plötzlich rund um den Piesberg die Industrialisierung Osnabrücks statt: In den Steinbrüchen wurden von oben Steine abgehauen, die Kohle wurde ab 1969 viel schneller durch senkrechte Schächte abgebaut, und rundherum produzierte man unter anderem Maschinen, Spaten und die legendären Leinenmäntel, die später alle Schauspieler in amerikanischen Italo-Western trugen. Letzte wurden von Straftätern im Gefängnis hergestellt. Dann kam auch noch die Eisenbahn dazu, und schon lief die Industrialisierung in Osnabrück rund, mit all ihren guten und schlimmen Folgen. Die Osnabrücker waren schon immer handelstüchtig, deshalb hat sich die Stadt schnell an die neue Zeit angepasst.
Die Ausstellung zeigt dazu einigerseits ein paar anschauliche Gegenstände und Modelle, andererseits aber jede Menge Texte, die sich eher dröge lesen.


Das Museum hat auch einen Aufzug. Wer darin versehentlich die Taste -4 drückt, der wird sich zunächst wundern, wie tief der Fahrstuhl fährt - um dann plötzlich durch die Tür in eine andere Welt zu treten. (Ich war überrascht, dass ich die Taste ganz alleine drücken durfte. Normalerweise haben Fahrstühle zu solch ungewöhnlichen Orten einen relativ unnötigen Angestellten, der ihn bedienen muss.) Der Aufzug fährt den Haseschacht runter, der sogar noch viel tiefer als 4 Etagen unter die Erde reicht.
Die minus-vierte Etage besteht nicht aus warmen, trocken Museumsräumen, sondern aus dem dunklen, kalten Hasestollen, in dem es von der Decke tropft. Und das ist noch untertrieben - nicht einmal eine Tropfsteinhöhle tropft dermaßen viel. Korrekter wäre: Es regnet von der Decke. Das ist auch der Grund, warum die Stollen 1898 geschlossen wurden: Die Bergleute gingen immer wieder unfreiwillig baden und bekamen das einbrechende Wasser einfach nicht in den Griff. Einen der Versuche, es in den Griff zu kriegen, konnte ich persönlich durchschreiten: Neben dem Hasestollen verläuft ein Extrastollen mit einer überraschend leeren Rinne, durch die das ganze Tropfwasser abläuft.
Im Haseschacht (also wo der Aufzug drin ist) wurde Osnabrücker Anthrazit abgebaut. Das ist Steinkohle, die für ihre Top-Qualität bekannt war. Durch den Hasesstollen (also wo ich durchgehen konnte) wurde die dann abtransportiert. Den Hasestollen gab es aber schon vor dem Haseschacht, denn auch andere Schächte benutzten den Stollen als Ausgang.
Der lange, gerade und, falls ich es noch nicht erwähnt habe, nasse Gang führt vom Aufzug bis zu einer Stahltür, wo ich ebenerdig wieder bei der Wasserausstellung direkt neben meinem Fahrrad herausgekommen bin. Vorher habe ich mir aber gaaanz viel Zeit gelassen und bin langsam durch den Gang gewandert. Denn in Anbetracht der Sommerhitze da draußen wollte ich den kühlen Stollen lieber ausgiebig auskosten.


Sowohl für das Nettebad als auch für das Museum musste ich mich ganz schön weit von der Radroute entfernen. Deshalb war ich selber überrascht, dass ich das zeitlich so gut hinbekommen habe.
Auch wenn Osnabrück früh an die Bahn angeschlossen wurde, braucht so eine große Industriestadt am besten auch eine gute Anbindung an den Schiffsverkehr. Dafür ist die Hase aber ein bisschen zu klein. Deshalb ragt der Verbindungskanal Osnabrück seit 1916 in die Industrieviertel der Stadt hinein. Inmitten von hässlichen Kränen und Hallen sprudeln die kleinen Brunnen des Geschäfts Gartenideen und scheitern komplett daran, jede Art von Gartenidylle zu erzeugen.


Wenige Kilometer später bin ich wieder auf den Kanal gestoßen, und da sah der ganz anders aus. Links und rechts erstreckt sich ein Kiesweg mit fröhlichen Spaziergängern, und auf dem Wasser betrieben viele das moderne Stand-Up-Paddling oder das klassische Sit-Down-Paddling. Nur Frachtschiffe konnte ich nicht entdecken, vielleicht wegen der späten Uhrzeit.
Einen Kilometer weiter links verläuft die Hase, doch auch das ist eine Grundregel bei kleinen Flüssen: Wenn ein deutlich größerer Kanal parallel verläuft, dann folgt der Flussradweg lieber dem Kanal.


Wenn das ein Verbindungskanal ist, womit verbindet der Osnabrück eigentlich? Nach einigen Kilometern folgt die Antwort: Ich treffe auf den Mittellandkanal, und es entsteht eine Art Kanaldreieck, das so groß ist wie ein mittelgroßer See. Die Osnabrücker Schiffe können nun links zum Ruhrgebiet oder rechts zur Weser und Elbe abbiegen.


Auf dem Mittellandkanal waren all die Lastschiffe, die auf dem Verbindungskanal gefehlt hatten. Sie fuhren aber nicht, sondern lagen am Ufer, wo sie schlafend vor sich hin rosteten. So sieht also eine Raststätte für Lastschiffe aus - alles, was man benötigt, ist eine extrem lange Betonwand mit Pollern mit Festbinden.



Die Hase bildet nun ein unübersichtliches Binnendelta: Sie teilt sich in verschiedene Flussarme, die sich durch das Land schlängeln und dabei möglichst jeder einheitlichen Benennung ausweichen.
Eine Infotafel stellte mir plötzlich folgende Frage: Sicherlich ist Ihnen im Zusammenhang mit Straßen- und Flurbezeichnungen schon einmal der Name Esch begegnet? Nö, eigentlich nicht. Und auch das Wort "Plackerei als Ausdruck einer mühsamen Schufterei ist Ihnen geläufig? Ja, das schon.
Vor 5000 Jahren kamen die ersten Menschen ins Hasedelta. Es war aber dermaßen sumpfig, dass sie bloß auf ein paar Sandkegeln leben konnten, denn Landwirtschaft ging fast gar nicht. Im Mittelalter erfand dann jemand die Plaggenwirtschaft: Man schneide ein paar Plaggen, also Bodenstücke, aus dem Moor, lege die im Viehstall auf den Boden und benutze sie dann zusammen mit der Tierkacke als Dünger. Ergebnis: Einerseits Esch, also superfruchtbarer Boden, und andererseits abgeplackter Boden, auf dem der Wind Sand herumwehte, bis er sich in Heide verwandelte.

1. Die Hasesee-Hase (so nenne ich die)

Dieser nicht näher benannte Altarm fließt durch einen idyllischen kleinen Badesee. Auch hier sind Stand-Up- und Sit-Down-Paddler unterwegs.


Der Hasesee gehört zum kleinen Städtchen Bramsche, das intensiv nach Lavendel duftet. Ich bin da nur abends durchgesaust, aber das Durchsausen hat definitiv einen positiven Eindruck von Bramsche hinterlassen. Im Mittelalter lebten hier viele Tuchmacher, von deren Arbeit ein Tuchmachermuseum übriggeblieben ist.


2. Der Zuleiter von der Hase (laut Wikipedia)/Die Hase (laut Karte)/Die Alfsee-Hase (so nenne ich die)

Im Westen strömt der dickste Flussarm zügig durch Deiche und Betontunnel. Der wurde komplett künstlich angelegt.


Ich habe diesen Kanal Alfsee-Hase genannt, weil er durch den Alfsee fließt und überhaupt nur für diesen See gegraben wurde. Der Alfsee nennt sich offiziell Hochwasserrückhaltebecken Alfhausen-Rieste. Das mag vielleicht ein guter Name für ein künstliches Becken sein, das Hochwasser verhindern soll. Wer da aber campen, Tretboote oder Wasserski anbieten will, der braucht einen handlichen Namen wie zum Beispiel Alfsee. Der See wurde 1970 gebaut, weil die Hase so viele Überschwemmungen verursacht hat.
Trotz der vielen Regentage in letzter Zeit stand das Wasser im Alfsee ziemlich niedrig. In der Abenddämmerung bot sich mir der Blick auf ein großes graublaues Dreieck, aus dem ab und zu mystischer Matsch herausguckt.


Im Norden begrenzen wunderschöne gelbgrüne Deiche das Wasser, damit der See, der verhindern soll, dass der Fluss überläuft, nicht selber überläuft. Dahinter liegt das Reservebecken, in den notfalls auch noch Wasser laufen kann. Weil das nicht so oft passiert, beinhaltet dieser See weniger Wasser und mehr Matsch und Pflanzen. Damit sieht er deutlich schöner aus, eine Radtour auf dem Deich am Reservebecken ist ein tolles Erlebnis. 94 Vogelarten bevölkern den Himmel. Manche leben hier im Sommer, manche im Winter und manche benutzen den See beim Zugfliegen als Raststätte.


3. Die Tiefe Hase (laut Schild)/Hase (laut Karte)

Ob der mittlere Arm der Hase tatsächlich tiefer als die anderen ist, lässt sich im Flachland nicht so leicht sagen. Für mich sah der nicht anders aus als die anderen Flussarme: Ein dunkelgrünes Bad schlängelt sich durchs Land, umgeben von Hecken und selbstverständlich grünem Geländer.


4. Die Hohe Hase (bei dem Namen sind sich alle einig)

Der östlichste Flussarm sieht auf diesem Bild nicht sehr hoch aus, dafür dreht er ein süßes kleines Mühlrad.


Die Hohe Hase teilt sich noch einmal in zwei Teile und bildet eine Flussinsel, die noch vor Kurzem von Nonnen bewohnt wurde (deshalb fließt in der Nähe auch der sogenannte Nonnenbach in die Hase).
Auf der Insel steht das Kloster Zum gekreuzigten Erlöser alias die Kommende Lage (eine Kommende ist die Übertragung von Kirchenvermögen auf eine andere Person und praktisch wohl so was ähnliches wie ein Kloster).
Angeblich hatten zwei Mönche hier eine Vision, wie in Kreuz in der Luft schwebte und eine Stimme sagte, sie sollten gefälligst so ein Kreuz herstellen. Das haben sie überraschenderweise hingekriegt, obwohl sie keine Ahnung von Bildhauerei hatten. Deshalb pilgerten seit 1313 Leute zu diesem Wunderkreuz, bis mehrere Kriege dem Kloster übel mitspielten. Damals betrieben die Johanniter und Malteser den Laden. Irgendwann wurde es aufgelöst, aber 1999 kaufte der Bischof von Osnabrück es zurück und richtete ein Kloster für Dominikanerinnen ein. Eine Zeit lang waren die sehr erfolgreich, boten Kloster auf Zeit für gestresste Leute und sogar ein paar junge Frauen traten ein. Dann traten sie aber wieder aus, und im März 2020 verließen die letzten vier Nonnen die Insel. Als nächstes wollen die Franziskaner ihr Glück in diesem vom Pech verfolgten Kloster versuchen.
Auf der Insel haben sie ein imposantes Eingangstor, ein gut erhaltenes rosa Wohngebäude, viel Grün und eine hohe Kirche - die schöne Lage in Lage war vermutlich nicht der Grund, warum die jungen Frauen gegangen sind.


Da mir eine Übernachtung im Kloster schon aus Geschlechtsgründen nicht möglich war, habe ich hinter Lage mein Lager aufgeschlagen. Hier fließen die Hohe und Tiefe Hase wieder zu einem breiten Fluss zusammen und rauschen eine große Stromschnelle runter. Ein perfekter Ort, um mich nach dem heißen Tag abzukühlen!
Ich habe die Stelle gegen 21 Uhr erreicht. Während der nächsten zwei Stunden kam niemand vorbei. Als ich mich also um 23 Uhr auf meine Isomatte bettete, ging ich also davon aus, eine ruhige Nacht vor mir zu haben.
Kurz darauf begann im Wald eine illegale Coronaparty.